24. Januar 2018 | Jobsuche

Vorteile und Tücken der guten Konjunktur für Arbeitnehmer

Grund für Optimismus

Das Jahr 2018 hätte für Bewerber kaum besser starten können. Deutschland erlebt eine Beschäftigung auf Rekordniveau und die niedrigste Arbeitslosenquote seit der Wiedervereinigung. Unternehmen sind frustriert, dass 50 Milliarden Euro Wertschöpfung nicht realisiert werden können, da die passenden Mitarbeiter fehlen. Es ist keine Ausnahme, wenn Stellen ein halbes Jahr oder länger nicht besetzt werden können.

Unabhängig von der exzellenten Konjunktur, die seit nunmehr zehn Jahren anhält, gibt es noch mehr Grund zu Optimismus für Arbeitnehmer: Die demografische Entwicklung führt dazu, dass jeden Tag zwei Babyboomer in Rente gehen, während eine Person aus den Generationen Y oder Z nachrückt. Bis 2025 werden somit 5,5 Millionen Erwerbstätige aus dem Arbeitsprozess aussteigen. Eine beunruhigende Vorstellung für Unternehmen. Für Arbeitnehmer jedoch wird der Jobwechsel einfacher.

Bewerben ist trotzdem kein reines Zuckerschlecken

Ab sofort ist die Bewerbung also ein Zuckerschlecken? Nicht ganz! Natürlich muss eine qualifizierte Vorarbeit geleistet werden. Im Zeitalter von Copy-and-paste meinen Arbeitgeber, dass lediglich zehn Prozent der digitalen Bewerbungen verwertbar sind. Außerdem „flüchten“ immer mehr Unternehmen bei der Stellenvergabe in die „Unsichtbarkeit“ des verdeckten Arbeitsmarktes. So wundern sich Bewerber, dass angeblich mehr als eine Million Stellen offen sind, sie jedoch keine passende Position finden.

Geschönte Stellenausschreibungen

Darüber hinaus gibt es weitere Gefahren, die der Bewerber kennen sollte. Mittlerweile wenden Unternehmen und Headhunter die gleichen Methoden an, die sie früher Bewerbern vorgeworfen haben. Lebensläufe wurden in der Vergangenheit kritisch beäugt und es hieß, dass 30 Prozent der Unterlagen etwas geschönt waren. Heute werden die Stellenausschreibungen „nachgebessert“.

Die Stellen werden hochwertiger, interessanter und attraktiver dargestellt, als sie tatsächlich sind. Wurde ein Headhunter zur Besetzung der Stelle engagiert, spielt dieser das Spiel häufig mit. Er lobt Job und Unternehmen in den höchsten Tönen und drängt darauf, Kandidat und Unternehmen zusammenzubringen. Beim Interview tritt dann manchmal Ernüchterung ein. Vielfach wird ein ordentliches Gehalt gezahlt. Daran scheitert es nicht. Aber die Jobinhalte stellen sich als weniger reizvoll heraus als in der Anzeige angekündigt.

Selbstreflexion vor der Vertragsunterzeichnung

Der Arbeitgeber hofft, durch Sympathie ausgleichen zu können, was der Job nicht hergibt. Auffallend oft sieht der Kandidat weder Team noch Arbeitsplatz und bekommt überraschend schnell ein Angebot zugesendet. Spätestens an dieser Stelle gilt es, vorsichtig zu sein. Arbeitgeber setzen darauf, dass ein Kandidat in der Probezeit nicht kündigen wird, wenn sich dieser erst einmal zum Wechsel entschieden hat. Nun ist Selbstreflexion und Bedenkzeit nötig. Bei Kandidaten besteht die Gefahr der selektiven Wahrnehmung. Sie wissen, warum sie wechseln wollen. Daher schauen sie, ob beim Zielunternehmen die Faktoren stimmen, die zur Wechselbereitschaft führten. Ist der Chef sympathisch? Ist die Fahrtzeit zum Unternehmen kürzer? Steht die Branche gut dar? Wird mehr Gehalt bezahlt? Ist eine Entwicklungsperspektive gegeben?

Team und Kollegen im Bewerbungsprozess kennenlernen

Die brennenden Fragen werden abgehakt, ohne zu überlegen, dass hier ganz andere Schwachpunkte auftauchen können. Da sich Bewerber heute vielfach in der stärkeren Position befinden, sollten sie zumindest fordern, das künftige Team und den Arbeitsplatz kennenzulernen. Es ist natürlich von großer Bedeutung, dass der Kandidat ein gutes Gefühl beim Kennenlernen der neuen Kollegen hat. Idealerweise kann etwas Zeit mit ihnen verbracht werden – ohne Anwesenheit der Führungskraft. So entsteht Raum für Fragen, die sonst nicht gestellt werden würden. Wie sieht die Führungskultur aus der Sicht des Teams aus? Würden sie hier nochmals anfangen? Was macht Spaß? Gibt es Anlass zur Frustration?

Der erste Arbeitstag ist oft entscheidend

Es gibt sowieso einen Tag eins. An diesem Tag wird jeder neuer Mitarbeiter mit den Realitäten konfrontiert, die bisher verschwiegen wurden. Die Statistik sagt, dass mehr als die Hälfte der Kandidaten, die innerhalb der Probezeit gekündigt haben, die Entscheidung am ersten Arbeitstag getroffen haben. Das ist ein GAU für den Arbeitgeber, das Team und den Bewerber selbst. Mit etwas Selbstreflexion, Zurückhaltung bei der Vertragsunterzeichnung und Forderung nach mehr Transparenz im Einstellungsprozess können solche Fehler vermieden werden.


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 So geht Bewerben: Tipps vom Karriere-Coach

Der Experte in Sachen Bewerbung Vincent G. A. Zeylmans van Emmichoven gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere.


Über den Autor

 Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung, gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat – vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.