1. August 2018 | Jobsuche

Sonne, Sand und Selbstreflexion

Zeit für das Wichtige im Job und im Privatleben

Im Berufsleben müssen wir uns häufig zwischen „dringend“ und „wichtig“ entscheiden. Viele Führungskräfte oder Fachexperten strukturieren den Arbeitsalltag nach diesem Schema. Häufig bleibt dabei das Wichtige, das eben nicht dringend ist, auf der Strecke. Auch für Selbstreflexion bleibt keine Zeit.

Die wichtigen Aufgaben müssen deshalb fest eingeplant werden – sonst werden sie immer aufgeschoben. Dazu zählen beispielsweise die Strategieentwicklung, das Mitarbeitergespräch oder auch das Einführen von aussagefähigen Kennzahlen. Im persönlichen Bereich betrifft das vielleicht den Sport, die Umstellung auf eine gesunde Ernährung oder auch die Zeit mit der Familie.

Selbstreflexion ist wichtig

Gelegentlich innezuhalten und über sich selbst nachzudenken, gehört zu den essenziellen Übungen im Leben. Dabei sollte man sich auch fragen, ob der Job noch zu einem passt. Wenn der Leidensdruck auf Arbeit hoch ist, benötigen wir dazu keine Aufforderung. Der Prozess kann allerdings auch schleichend sein. Gerade im Urlaub tauchen dann Empfindungen und Gedanken auf, für die wir das ganze Jahr über wenig Zeit hatten. Es lohnt sich, ihnen Beachtung zu schenken.

Klassische Fragen zum Thema Arbeit:

  • Passt meine Funktion noch zu meiner Person? Vielleicht habe ich mich weiterentwickelt? Möglicherweise ist für mich Führungsverantwortung der nächste Schritt?
  • Wie sieht meine Beziehung zur vorgesetzten Stelle aus? Vielleicht hat ein Wechsel stattgefunden. Meine Führungskraft bestimmt maßgeblich über meine Zukunft und mein Wohlbefinden beim Arbeitgeber.
  • Handelt es sich noch um das Unternehmen, bei dem ich vor Jahren angefangen habe? Wurde die Firma verkauft und prägen neue Inhaber die Werte? Zieht eine neue Unternehmenskultur andere Kollegen an?
  • Wie sind die Aussichten in der Branche? In Zeiten des rapiden Wandels sind die Champions von gestern manchmal die Loser von morgen. Ich kann heldenhaft als Letzter von Bord gehen oder auch die Zeichen der Zeit erkennen und darauf reagieren.

Wir verändern uns

Natürlich besteht das Leben nicht nur aus Selbstoptimierung. Es wäre naiv, zu meinen, dass wir jedes Mal eine berufliche Neu-Orientierung vornehmen sollten, sobald es möglicherweise nicht mehr ganz „passt“. Wer alle zwei Jahre das Unternehmen wechselt, tut sich keinen Gefallen. Gleichwohl macht es Sinn, in bestimmten Zeiträumen über sich selbst nachzudenken.

Auch wenn das gesamte Umfeld gleich bleiben würde, ändern wir uns. Sind die Zwanziger vom Ausprobieren und von ersten Erfolgen geprägt, bringen wir in den Dreißigern unsere PS richtig auf die Straße. Manchmal müssen wir die Handbremse in der Stoßverkehrszeit des Lebens anziehen. Wenn Partnerschaft, Kinder, Hauskauf und Karriere sich verdichten, müssen wir etwas Gas herausnehmen.

In den Vierzigern kombinieren wir Lebenserfahrung mit beruflicher Expertise und fühlen uns auf dem Höhepunkt unserer Leistungskurve. In der Lebensmitte, wenn eine Fünf vor die Null kommt, stellt sich die Frage, ob wir „noch mehr vom Gleichen“ wollen. Nicht wenige treten ein wenig kürzer (Downsizing), damit mehr Zeit für andere Dinge im Leben ist. Die Endlichkeit des Lebens wird uns bewusster und motiviert zu einer neuen Priorisierung. Werte und Sinn bekommen mehr Gewicht.

Einklang von Persönlichkeit und beruflichem Umfeld

Personen, die „unfreiwillig“ zu einer beruflichen Änderung gezwungen wurden, stellen sich zwangsläufig diese Fragen. Und viele meinen später, dass ihnen nichts Besseres hätte passieren können. Warum? Plötzlich sind Lebensphase und die damit verbundenen Werten wieder im Einklang mit der beruflichen Tätigkeit.

Es ist möglich, diesen Prozess selbst anzustoßen. Auch wenn man sich dazu aus seiner Komfortzone hinausbewegen muss. Dazu eignet sich die Urlaubszeit! Die gute Nachricht: Wer für sich skizziert hat, wie es weitergehen soll, kann im September gleich die Weichenstellung vornehmen. Der Herbst eignet sich hervorragend für das Knüpfen von neuen Kontakten.

Demografie schlägt Konjunktur

Konjunktur hin oder her: An den demografischen Daten ändert sich nichts! Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente und es kommt wenig nach. Daher sucht die Bahn z. B. in diesem Jahr 20.000 neue Mitarbeiter. Damit es den Bewerbern nicht „zu schwer“ gemacht wird, dürfen sie auf ein Anschreiben verzichten. Über die Signalwirkung möchte ich hier nicht reden. Eines ist aber unverkennbar: Arbeitgeber stehen miteinander im Wettbewerb und entwickeln Strategien, damit sie überhaupt noch zum Zug kommen. Sonnige Zeiten für die Bewerber!


Über den Autor

 Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung, gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat – vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.