23. Mai 2019 | 5 Fragen an ...

Endlich darf ich ICH sein

Wie oft stellen wir uns zwischen dem nächsten wichtigen Meeting, der nächsten einzuhaltenden Deadline, dem nächsten fälligen Familientreffen und dem nächsten zu besorgenden Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter die Frage: Wann bin eigentlich ich mal dran? Wann ist Zeit für meine Wünsche und Pläne?  Ex-Profi-Handballerin Ilka Piechowiak zeigt in ihrem Buch Jetzt bin ich mal dran wie das funktioniert. Dass sie auch selbst erst ihren Weg zu einem selbstbestimmten Leben finden musste, hat sie uns in einem kurzen Interview verraten.

Liebe Frau Piechowiak, Sie sind selbstständig und entsprechend viel unterwegs. Wie schaffen Sie es, Zeit für sich selbst zu finden?

Ich bin sehr konsequent im Eintrag meiner „ich-Zeit“ im Kalender und weiß, was es mit mir macht, wenn ich mich wenig um mich kümmere oder mir nur Termine aufhalse. Das heißt, dass ich wirklich nur eine gewisse Menge/Tage an Aufträgen im Jahr annehme, auch wenn manchmal der Euro lockt. Ich verplane mich sowohl geschäftlich als auch mit Freunden und anderen Tätigkeiten einfach nicht so viel. Zudem ist mein Handy ständig – in allen Funktionen – lautlos gestellt. Ich bekomme gar nicht mit, wenn was „reinkommt“ oder „aufpoppt“. Das hat etwas mit Fokussieren zu tun. Ich arbeite sehr konzentriert und lebe/genieße auch konzentriert.


Sie haben in Ihrem Leben schon einige einschneidende Entscheidungen getroffen – von denen Sie auch in Ihrem Buch erzählen –, die teilweise für Außenstehende nicht nachvollziehbar waren. Trotzdem haben Sie es durchgezogen. Woher haben Sie den Mut gefasst?

Generell muss man ja sagen, dass mutige Menschen auch Ängste haben. Und Angst oder die Fähigkeit, einfach Dinge zu tun (also mutig zu sein), kommt aus unserer tiefsten Persönlichkeit. Daher ist die Frage wohl am einfachsten zu beantworten, wenn ich sage: ich habe für DAS, wofür ich mich entschieden habe, immer eine enorme Freude und Begeisterung verspürt. Bei einer Entscheidung steht immer an, sich WOFÜR und WOGEGEN zu entscheiden. Der WOFÜR-Drang (also hin-zu-Motivation) ist der Part, der voller Begeisterung und Leidenschaft gefüllt sein sollte. Dann passiert das, was mir gelungen ist. FREUDE ist der Gegenpart zur Angst.


Wir haben Sie als sehr positive, selbstbewusste Person kennengelernt, die vor Tatendrang strotzt. Doch was ist mit Menschen, die diese Grundhaltung nicht teilen, die vorsichtiger, weniger optimistisch sind? Die Angst davor haben, andere vor dem Kopf zu stoßen, wenn sie Ihrem Credo „Jetzt bin ich mal dran“ folgen. Was raten Sie diesen Menschen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Wenn es darum geht, zu lernen, auch mal NEIN zu sagen (ggf. anderen vor den Kopf zu stoßen), können diese Menschen in kleinen Schritten lernen/üben, auch mal NEIN zu sagen. Erst das Erlebnis/ die Erfahrung mit dem „Nein-Sagen“, wenn es denn eine positive ist (also der Gegenüber damit ok ist), führt dazu, diese Angst zu überwinden und füllt den Selbstsicherheits-Speicher langsam, aber stetig an. Wenn wir die Angst nicht überwinden, haben wir keine Chance, uns zu entwickeln. Das mit dem Optimismus ist etwas anderes, das ist die tiefe Grundeinstellung. Auch an der kann man arbeiten. Aber dazu würde ich immer zu einem Coach raten. Die Grundeinstellung zu ändern ist nicht leicht, aber möglich. Insbesondere mit einem Coach.


Manche Menschen könnten versucht sein, die Einstellung „Jetzt bin ich mal dran“ als Egoismus auszulegen. Doch es geht nicht darum, nur an sich zu denken. Inwiefern spielt diese Grundhaltung eine Rolle für den Umgang mit anderen?

Egoismus ist wichtig, ist es doch – zumindesst in meinem Verständnis – eine Art von Selbstliebe. Die Frage ist, was wir und andere unter diesem Begriff verstehen und wie ihn jeder für sich definiert. Ich glaube, so wie ich es in meinem Buch schreibe, ist wichtig, neben dem „An-sich-selbst-denken“ die anderen Menschen immer wertschätzend zu behandeln. Also, ich kann jemanden zu einem Termin wertschätzend absagen. Aber wie derjenige mit dieser Absage umgeht (also ob er sich dadurch beleidigt, zurückgesetzt fühlt etc.) liegt nicht mehr in meiner Verantwortung.
Und das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit dem Gesetz der Kommunikation: Senden und Empfangen (also Wahrnehmen des Gesagten).


Ein wichtiges Thema in Ihrem Buch sind Wünsche. Ihr großer Wunsch war es immer, einen Hund zu haben. Diesen Wunsch haben Sie sich erfüllt. Doch was ist mit Wünschen, die schlicht nicht erfüllbar sind? Wie gehe ich mit solchen Wünschen um? Gebe ich sie einfach auf und suche mir einen anderen Traum? Oder haben „unerfüllte Wünsche“ nicht doch einen gewissen Einfluss auf mich?

Ich könnte jetzt platt sagen: ich wünsche mir gar nicht erst das, was nicht möglich ist. Die Frage ist ja, WAS ist eigentlich mein Wunsch und bleibt er – in meiner Welt realistisch und ist es wirklich EIN Wunsch von mir aus dem Herzen. Oder will ich es – als vermeintlichen Wunsch – und stelle fest, es ist gar nicht erreichbar. Dann macht der Wunsch per se natürlich unzufrieden. Also, wenn ich mir wünschen würde, ich möchte in eine mega Villa mit 30 Zimmern wohnen und acht Hunde haben, dann ist das vielleicht ein toller Wunsch, der nicht erfüllbar ist. Interessant ist, dass ich es gar nicht will. Das heißt, bevor ich schaue, ob ein Wunsch wirlich erfüllbar ist, muss ich mich erstmal fragen, ist es überhaupt MEIN HERZENSWUNSCH.
Und ich bin der Meinung, dass alles das, was wir uns sehnlichst wünschen, auch erfüllbar ist. Nur muss ich – immer – etwas dafür tun, dass er in Erfüllung geht. Und daran hapert es bei vielen Menschen schon. Sie sind nicht bereit, wenn Sie einen Wunsch haben, dafür auch richtig viel zu tun oder viel zu lassen.


Sie sind wunschlos glücklich? Oder gab es auch Entscheidungen, die Sie im Nachhinein bereuen oder infrage stellen, ob es nicht anders doch besser gewesen wäre? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, ich bin wunschlos glücklich. Un: ja, ich denke an manche Lebensmomente zurück, die ich evtl. heute anders machen würde. Bereuen tue ich nichts. Denn das würde ja heißen, dass ich mich so sehr in der Vergangenheit befinde, die ich eh nicht mehr ändern kann. Ich weiß, warum ich manche Entscheidungen (die mir heute traurig erscheinen) damals so getroffen habe. Und damals ging es nicht anders. Ja, natürlich habe ich dann auch Momente, die klingen wie „Wenn ich damals … dann wäre ich heute …“. Aber soll ich Ihnen etwas sagen? Ich denke eher von jetzt in die Zukunft und ich sage mir in bestimmten Momenten dann: Ich würde es JETZT anders machen, wenn die Chance nochmal kommt. Und ich glaube an diese Chance, die dann auch irgendwann bestimmt nochmal kommt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.


Jetzt bin ich mal dran
Wie ein selbstbestimmtes Leben gelingt
ISBN 978-3-96186-029-6