2. November 2020 | 5 Fragen an ...

Gründen in der Krise? Ja, wann sonst!

Lieber  Herr Gomm, Sie sind selbst erfolgreicher Gründer und haben mit Ihrem 90-Tage-Coaching ein Programm entwickelt, das potenziellen Gründern und allen, die es werden wollen, einen einfachen, aber effektiven Weg in die Selbstständigkeit aufzeigt. Vielen Dank, dass Sie sich unseren Fragen stellen.

In Ihrem Buch  „Gründen in 90 Tagen“ leiten Sie potenzielle Gründer den Weg in die Selbstständigkeit. Gerade in der aktuellen Zeit stellt sich natürlich die Frage, ob es sinnvoll ist, ein solches Wagnis einzugehen. Kann ein solcher Schritt, also Gründen in der Krise, aktuell tatsächlich richtig sein?

Diese Bedenken sind verständlich: Sollte man nicht gerade jetzt auf Nummer sicher gehen und in der Festanstellung bleiben?

Aber: Krisenzeiten sind zwar schlecht, um selbstständig zu sein. Aber sie sind ideal, um sich selbstständig zu machen. Warum?

Erstens brechen in Krisenzeiten alte Bedürfnisse weg, wie etwa jetzt  Langstreckenflüge, und werden durch neue ersetzt, die befriedigt werden wollen – also zukünftig zum Beispiel mehr Urlaub in der Region.

Zweitens ist in Krisenzeiten für Gründer vieles leichter verfügbarer, zum Beispiel qualifizierte Mitarbeiter oder günstiges Marketing, da die Nachfrage der bestehenden Branchen eingebrochen ist.

Drittens hilft den Neugründern der Aufschwung nach der Krise, das eigene Geschäft schneller als sonst auf eine kritische Größe zu bringen. Wenn du gründest, wenn die Wirtschaft gerade am besten läuft, dann nimmst du die nächste Krise voll mit. Daher rate ich anti-zyklisch zu gründen.


Mit dem Begriff „Selbstständigkeit“ assoziieren viele Menschen den Ausspruch „Selbstständig kommt von selbst und ständig“. Ihnen geht es aber mit Ihrem Coaching auch darum, wieder zurück in ein freieres und selbstbestimmtes Leben zu finden. Ist dieses Vorhaben überhaupt mit einer Selbstständigkeit vereinbar?

Für mich kommt erst das Leben und dann die Arbeit, sprich: Die Arbeit sollte dazu dienen, gut zu leben und nicht umgekehrt.

Man kann sich natürlich in der Selbstständigkeit genauso in Arbeit verlieren wie in der Festanstellung. Mein Ziel ist es, dass Menschen ihr Geld mit etwas tun, das sie lieben und das ihnen liegt. Dann fühlt es sich nicht mehr nach „Arbeit“ an, sondern nach einem spannenden und erfüllenden Teil deines Lebens, der dir mehr gibt als nimmt.


Was passiert, wenn ich am Ende der 90 Tage feststelle, dass ich die Selbstständigkeit vielleicht doch nicht das Richtige für mich ist?

Für mich wäre das ein phantastisches Ergebnis, wenn du bis dahin – wie so viele – immer mit einer romantischen Vorstellung davon geträumt hast, dich selbstständig zu machen. Wenn du dann erkennst, dass die Anstellung doch das Richtige für dich ist, dann bist du dir über eine wichtige Sache in deinem Leben klarer und kannst dich jetzt darauf konzentrieren, zufrieden in deiner Festanstellung zu werden, indem du dich dort weiterentwickelst, die Postion wechselst oder gleich zu einem anderen Arbeitgeber wechselst.


Sie haben bereits viele Gründer beraten und auf ihrem Weg begleitet. Haben Sie schon potenziellen Gründern von einer Selbstständigkeit abgeraten und wenn ja, warum? Gibt es bestimmte Kriterien oder auch Eigenschaften, bei denen Sie sagen würden: Lass das besser mit Gründung.

Ja, aber meine Kunden kommen da in der Regel selber darauf. Es geht ja meistens erstmal um eine Orientierung: Was will ich eigentlich? Diese Frage können ja erstaunlich viele Menschen nicht für sich beantworten. Daher rate ich ganz bewusst dazu, die Idee einer Selbstständigkeit auszuprobieren, bevor man den alten Job kündigt. Wie fühlt es sich an, Dinge selbst zu erschaffen und viel selber zu machen? Beflügelt mich das oder belastet es mich eher? Ein wichtiges Kriterium ist für mich, ob ein Mensch schon immer mal wieder über die Selbstständigkeit nachgedacht hat oder ob das nur als Mittel gesehen wird, um aus einem unangenehmen Arbeitsverhältnis zu fliehen. Es reicht nicht aus zu wissen, von wo man weg will, man muss auch eine Idee haben, wo man hinmöchte.


Herr Gomm, Sie sind selbst erfolgreicher Gründer, aber auch glücklicher Angestellter. Was sind Sie denn lieber?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe das Glück, für ein ganz tolles Unternehmen zu arbeiten, in dem es eine sehr positive Unternehmenskultur gibt und das auch in einer 50 Prozent-Stelle. Hier arbeite ich mit Unternehmen zusammen und habe viele sehr smarte Kollegen, mit denen ich mich austausche. In der Selbstständigkeit arbeite ich mit und für Menschen, was ich sehr befriedigend finde und kann meine „Arbeit“ vollständig frei einteilen. Aber wenn ich mich nur für eins entscheiden müsste, dann wäre es auf jeden Fall die Selbstständigkeit, wegen der Selbstbestimmung und dem erfüllenden Gefühl, die Dinge selber aufgebaut zu haben.


Cover Gründen in 90 Tagen Gründen in 90 Tagen

Schritt für Schritt in die erfolgreiche Selbstständigkeit – ohne gleich den Job zu kündigen
ISBN 978-3-96186-050-0