16. Juni 2021 | Hüblers Bunker-Chroniken

Die analoge Konter-Revolution

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich mit der Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt! Im heutigen Beitrag beschäftigt sich Michael Hübler mit der Frage, ob die scheinbar völlige Freiheit, die die Digitalisierung teilweise mit sich bringt, immer von Vorteil ist oder ob in bestimmten Situationen Grenzen nicht aus helfen können. Findet gerade eine analoge Konter-Revolution statt?

Die analoge Konter-Revolution

Die Digitalisierung ist allgegenwärtig. Sie schafft Zugänge, die zuvor nicht möglich waren. Die Freiheit, jederzeit und von überall aus zu arbeiten und zu lernen, ist faszinierend. Wie so oft sind die Vorteile einer Technik jedoch gleichzeitig deren Nachteile. Dem komplett Freien fehlen die Grenzen. Und wenn etwas jederzeit machbar und möglich ist, führt dies bisweilen dazu, dass es uns lähmt. Wer Zugriff auf die komplette Musik aus sieben Jahrzehnten hat, weiß oft nicht, was er sich genau jetzt anhören will. Ist die Auswahl zu groß, sind wir überfordert und wählen im Zweifel gar nichts aus.

Studien zur Entscheidungslähmung gibt es viele. Werden wir beispielsweise an einem Marmeladenstand in einem Supermarkt mit drei Sorten konfrontiert, gehen dorthin weniger Menschen als an den Stand mit fünf Sorten. Fünf Sorten überfordern die Kunden jedoch, weshalb letztlich an dem Stand mit drei Sorten mehr Kunden einkaufen.

So sinnvoll kann old school sein

Was bedeutet das für unsere schöne, neue Arbeitswelt? Wenn es für Arbeitszeiten keine Grenzen gibt, wir also ständig mit zu vielen Sorten hantieren müssen, kann uns dies lähmen oder in den digitalen Burn-out treiben. Kein Wunder, dass erfolgreiche Firmen nicht nur auf das digitale Pferd setzen, sondern ebenso analoge Techniken und Zugänge wieder einführen. Bei Google wird meditiert und in agilen Scrum-Teams gibt es nach wie vor Whiteboards oder das haptische Erlebnis, ein handschriftlich ausgefülltes Post-it auf eine Pinnwand zu kleben und später vom To-do-Feld ins Erledigt-Feld zu schieben. Und sich insgeheim dabei zu freuen. Und unser Körper freut sich mit. Denn vermutlich kennen Sie das erleichternde Gefühl, eine Aufgabe von einer To-do-Liste zu streichen oder einen Erledigt-Zettel zu zerreißen, statt lediglich eine erledigte Aufgabe von einer App zu löschen. Selbst der Digitalriese Amazon eröffnete unlängst echte Läden, um ein haptisches Erleben der Waren erfahrbar zu machen.

Interessanterweise führen gerade hochdigitalisierte Unternehmen wieder mehr analoge Elemente in die Arbeit ein. So werden gezielt Laptops und Smartphones in Konferenzen eingezogen und manche Chefs nutzen am liebsten Notizbücher, so richtig old school mit Stift und Papier. Ich persönlich kann dieses Altertümliche gut nachvollziehen. Mein Gehirn funktioniert besser, wenn ich mir mithilfe von Stift und Papier systemische Zusammenhänge zu einem Thema aufzeichne. Mit den richtigen Programmen geht das alles auch digital und oftmals wunderbar kollaborativ. Aber mehr Spaß macht es, wie ich persönlich finde, von Hand.

Unterstützt wird dies durch Erkenntnisse aus der Gehirnforschung: Wer einen Stift in die Hand nimmt, aktiviert sein motorisches Zentrum im Gehirn. Dies wirkt nicht nur stimulierender auf uns, sondern hilft uns auch dabei, uns später an das Geschriebene zu erinnern. In der digitalen Welt verschwimmen unsere Gedanken in der virtuellen Masse. Auf Papier hilft unserem Gedächtnis das Zusammenspiel von Gedanken, Bild und Bewegungen unserer Hand. Sogar das Hören spielt eine Rolle. Neulich stieß ich auf eine Werbung für ein digitales Schreibbrett, das – ähnlich wie beim Auslöser einer Kamera – die Geräusche beim Schreiben für ein besseres Schreibgefühl nachahmt.

Der Mensch, das analoge Wesen

Der Mensch ist und bleibt bei aller digitalen Euphorie ein analoges Wesen. Es gilt folglich genau hinzusehen, welche analogen Nischen wir uns erhalten wollen, nicht nur um menschlich, sondern auch ganz pragmatisch um produktiv und kreativ zu bleiben.

Was also zeichnet das Analoge aus:

1. Analoge Strukturen und Prozesse und Grenzorientierungen

Das Analoge schafft alleine durch das Vorhandensein von begreifbarem Material eine Struktur, um uns in Tätigkeiten weniger verloren zu fühlen. Strukturen erstellen einerseits Grenzen, die uns zeigen, bis wohin wir gehen können – beispielsweise ganz banal bis zum Ende des Papiers – wodurch sie uns nur auf den ersten Blick paradoxerweise kreativer machen. Wer beispielsweise ein klares Ziel als Grenze vor Augen hat, kommt auf mehr Ideen zur Zielerreichung als wenn er sich einfach so ein paar Gedanken machen sollte, wie er sein Leben verbessern könnte. Das Ende des Papiers oder des Whiteboards zwingen uns, innerhalb der Grenzen Lösungen zu finden. Genau diese Verhinderung der Uferlosigkeit führt zu Kreativität, indem sie den Ideen eine Struktur verleiht.

Strukturen können auch Abläufe sein, an denen wir uns entlang hangeln. Der gemeinsam erlebte kreative Prozess im Rahmen eines Projekts mit Brainstorming, Sortierung und der Bewertung der Ideen schafft eine kreativitätsförderliche Spannung. Bin ich gezwungen, meine Ideen zuerst einmal vor den anderen Projektmitgliedern verborgen auf Karten zu schreiben, bevor diese ausgetauscht werden, sorgt diese Begrenzung für einen Freiraum, den ich persönlich kreativ nutzen kann. Solche Begrenzungen sind analog leichter herzustellen als digital, da hier die Gefahr besteht, dass Prozessbausteine ineinander überfließen.

Ebenso verringert die digitale Offenheit die Selbstdisziplin, sich an bestimmte Abläufe zu halten und fördert stattdessen die Sprunghaftigkeit des Menschen. Vieles wird angefangen und wenig zu Ende gebracht. Kein Wunder, dass derzeit viele Menschen darüber klagen, dass es im Homeoffice anscheinend ein zeitverschlingendes Monster gibt.

2. Ganzheitlichkeit

Das Analoge ist anfassbar und damit ganzheitlich erfahrbar. Dies hatten wir bereits an dem einfachen Beispiel mit dem Papier gesehen. Noch deutlicher wird es, wenn wir den Klassiker einer Schallplatte betrachten. Eine Vinyl-Schallplatte wird aus der Hülle genommen, abgepustet, vorsichtig auf den Plattenteller gelegt und anschließend, ebenso vorsichtig, die Nadel auf der Platte positioniert. Das Hören einer Schallplatte ist ein beinahe ehrfürchtiger, ganzheitlich erfahrbarer Vorgang, während das Hören einer MP3 von der Festplatte lediglich ein paar respektlose Mausklicks erfordert.

Gleiches gilt nicht nur für den Umgang mit Objekten. Der Gedanke der Ganzheitlichkeit gilt auch für die Zusammenarbeit im Team. Während im virtuellen Raum die Kollegen und Kolleginnen weit weg sind, erlebe ich sie vor Ort visuell, hörend und sogar riechend. Ich nehme sie damit respektvoll als ganze Menschen wahr und nicht nur als ein paar Zeilen auf einem Bildschirm. Es macht auch einen emotionalen Unterschied, ob ich digital klatschende Hände nach einem Vortrag auf einer Videoplattform verschicke oder ob ich in Präsenz applaudiere oder in einem Team einem Kollegen/einer Kollegin nach einer tollen Präsentation auf die Schulter klopfe.

3. Reibung und Widerstände

Das Analoge schafft Widerstände und damit eine Reibung, die erst überwunden werden will. Dies gilt vor allem im Austausch mit anderen. Während in einer distanzierten, virtuellen Zusammenarbeit offene Konflikte seltener sind, weil sich die Menschen im Zweifel aus dem Weg gehen oder schwierige Themen erst gar nicht ansprechen, sorgt die analoge Nähe für einen Austausch, der zwar ein Konfliktpotenzial mit sich bringt, jedoch durch die Lösung von Missverständnissen zu einer befreienden Kreativität führen kann. Betrachten wir den analogen Austausch genauer, zeigt sich, dass dieser wesentlich feingliederiger ist als sein virtuelles Pendant. In analogen Gesprächen sende ich auch bei unausgereiften Gedanken einen verbalen Testballon. Dieser wird im Gespräch insbesondere mittels körpersprachlicher Rückmeldungen nach und nach verfeinert. Der analoge Austausch wird damit zu einem gemeinsamen Prozess, auf den sich beide Gesprächspartner/innen wagemutig einlassen, ohne zu wissen, was am Ende dabei heraus kommt.

Im virtuellen Austausch gibt die Regel Hop oder Top. Statt sich auf das Wagnis eines Gesprächsprozesses einzulassen, machen sich die Gesprächspartner/innen Gedanken über die Reife und Güte ihrer Äußerungen:

  • Muss das wirklich geklärt werden?
  • Wird wird meine Frage ankommen?
  • Klingt das nicht zu banal?
  • Oder führt meine Äußerung am Ende zu Missverständnissen und Konflikten, die sich online schlecht klären lassen?

Dass wir in einer Zeit der politischen Korrektheit und bisweilen absichtlichem Missverstehen leben, macht es nicht leichter. Ein misslungener Scherz oder eine vermeintlich dumme Frage kann in einer analogen Welt leicht zurückgenommen und erklärt werden. In der virtuellen Welt kann dies zu emotionalen Scherbenhaufen führen, die sich nur schwer wieder reparieren lassen.

Fazit

Dass Unternehmen nicht um die Digitalisierung herumkommen, ist eine Tatsache. Wer in unserer modernen Welt mithalten will, muss auch im Internet präsent sein und intern ebenso seine Prozesse digitalisieren, beispielsweise Personalauswahlverfahren oder Weiterbildungen. Auch an einem Einsatz von KI und Algorithmen kommen wir kaum vorbei, und sei es um die Mitarbeiter/innen zu entlasten. Dabei stellt sich die Frage, welche Teile der Arbeit oder Bausteine in einem Arbeitsprozess am sinnvollsten digital ablaufen und welche analog bleiben sollten. Beispielsweise sind in einem kreativen Entwicklungsprozess analoge Vorgehensweisen in der Regel ideal dafür geeignet, erste Ideen zu bekommen und grobe Visionen zu entwickeln, während digitale Prozesse sich für Verfeinerungen und Detailarbeiten anbieten.

Bei der Umsetzung einer Digitalstrategie ist es folglich ebenso sinnvoll, die Vorteile des Analogen als Entscheidungskriterium zu berücksichtigen:

Struktur und Grenzziehungen

  • Wie viel Struktur braucht es für eine bestimmte Tätigkeit?
  • Wann im Rahmen eines Prozesses oder Projekts braucht es mehr Struktur, wann weniger?
  • Wofür braucht es klare Strukturen und Grenzziehungen?
  • Wie lässt sich dies digital oder analog ablichten?
  • Braucht es im Digitalen klarere Grenzziehungen? Wenn ja, welche?

Ganzheitlichkeit

  • In welchen Momenten unserer Arbeit ist Ganzheitlichkeit wichtig?
  • Wie viel Erlebensqualität sollte der Kunde erfahren?
  • Wann reicht die digitale Präsentation eines Produkts?
  • Wann und warum sollte der Mitarbeiter seine Tätigkeit analog erleben?
  • Wie viel Erleben brauchen Fortbildungen?
  • Wissen lässt sich digital vermitteln. Doch wie sieht es mit Coaching-Elementen und Selbsterfahrungen in Trainings aus?

Reibung und Widerstände

  • Wie viel Reibung ist notwendig für eine bestimmte Tätigkeit?
  • An welchem Punkt in einem Projekt oder Prozess sind Widerstände besonders wichtig?
  • Wofür sind Widerstände wichtig?
  • Was erhoffen wir uns davon?
  • Wie hoch ist die Gefahr, in der digitalen Ferne Konflikten aus dem Weg zu gehen?
  • Wann sollten wir uns in Konflikte begeben?
  • Und was wollen wir dabei klären?

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Noch mehr Beiträge aus den Bunker-Chroniken findet ihr
 hier.

Weitere Themen rund um „New Work“ beschäftigen Michael Hübler auch in seinen  Büchern.

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

Bei metropolitan von Michael Hübler erschienen:

 Provokant – Authentisch – Agil
Die neue Art zu führen
Wie Sie Mitarbeiter humorvoll aus der Reserve locken
ISBN 978-3-96186-004-3

 New Work: Menschlich – Demokratisch – Agil
Wie Sie Teams und Organisationen erfolgreich in eine digitale Zukunft führen
ISBN 978-3-96186-016-6

 Die Bienen-Strategie und andere tierische Prinzipien
Wie schwarmintelligente Teams Komplexität meistern
ISBN 978-3-96186-031-9

 Die Führungskraft als Krisenmanager
Wie Führungskräfte in turbulenten Zeiten Orientierung bieten, Konflikte schlichten und Mitarbeiter begleiten
ISBN 978-3-96186-044-9

 Gesellschaftliche Konflikte in der Corona-Krise
Besonderheiten, Hintergründe, Lösungsansätze
ISBN 978-3-96186-047-0