28. August 2020 | Hüblers Bunker-Chroniken

Digitalisierung fördert Konkurrenz

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich mit der Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt!

In gewohnt kritischer, leicht zynischer, aber auch humorvoller Manier reflektiert  Michael Hübler die derzeitige Situation und damit Themen, die ihn bewegen. Er möchte Mut machen, Ablenkung schaffen, vielleicht auch zum Nachdenken anregen in einer aktuell schwierigen Zeit. Eine Zeit, der wir uns als Gesellschaft, Familie, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch als Freunde und Individuum stellen müssen. Daraus entstehen – mit dem ihm so typischen Augenzwinkern – die Hübler Bunker-Chroniken.

Die Pandemie wirkt selbstverständlich immer noch nach. Besonders das Thema Digitalisierung ist nach wie vor auf dem Tisch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber vor allem von Führungskräften. In diesem Beitrag geht  Michael Hübler einer wichtigen Nebenwirkung auf den Grund und er sieht: die Digitalisierung fördert Konkurrenz.

Wie Corona den Konkurrenzkampf fördert

27. August 2020. Heute morgen kam im Radio die Nachricht: Nachdem in den letzten Monaten maßnahmenbedingt viele Menschen entlassen wurden, erholt sich die deutsche Wirtschaft früher als gedacht. Es werden wieder mehr Mitarbeiter eingestellt. Wird dies zu einem neuen Konkurrenzkampf führen – dieses mal jedoch nicht nur zwischen klassischen Arbeitssuchenden, sondern zwischen klassischen Mitarbeitern auf der einen und bislang Selbstständigen auf der anderen Seite?

Ein paar Nachurlaubs-Gedanken

Was passiert mittel- und langfristig mit all den Selbstständigen, die aktuell am Existenzlimit agieren? In einem früheren Artikel schrieb ich darüber, wie wichtig es für große Firmen ist, sich mit Startups zu vernetzen (siehe  Gedanken über die neue Normalität), um mit Hifle deren Agilität gut durch die Krise zu kommen. Für viele Firmen bietet sich diese Option nicht. Dennoch stehen auch sie vor der Herausforderung, mit dem bisherigen Personal auszukommen, das sich gerade in großen Tankerfirmen eher durch Beständigkeit als durch Flexibilität auszeichnet.

In einer neu-normalen Welt bestehend aus einer distanzierten Zusammenarbeit und stetigen Anpassungen und Herausforderungen wird jedoch das gefordert, was der Zukunftsforscher Horst Opaschowski zur Jahrtausendwende den „Unternehmer im Unternehmen“ nannte. Dass uns ein Virus und die darauf folgenden Maßnahmen in diese Welt katapultieren würde, wusste er freilich nicht. Der Unternehmer im Unternehmen ist jedoch schon seit folglich 20 Jahren ein feststehender Begriff, wenn es um Mitarbeiter geht, die

  • selbstständig und selbstmotiviert agieren,
  • unternehmerisch und damit in größeren Zusammenhängen denken und
  • hochgradig flexibel sind.

Heute wird damit landläufig der  agile Mitarbeiter propagiert. Jemand, der fähig ist, sich jederzeit den vorhandenen Umständen anzupassen und dabei noch den eigenen kreativen Stempel aufzudrücken. Kompetenzen, die vor allem Selbstständige haben müssen, sofern sie sich in den letzten Jahren gut am Markt positionieren konnten. Bis jetzt. Bis Covid-19.

Was der eine verliert, gewinnt jemand anderes

Es gibt in Deutschland etwa 1,4 Millionen Selbstständige. Einige davon positionieren sich aktuell neu am Markt. Während sich manche Türen durch die Krise schlossen, gingen andere auf. Ich beispielsweise schrieb in den letzten Monaten mehr als zuvor und nahm diverse Audiobooks auf. Die Digitalisierung vernichtet schließlich nicht nur Jobs, sondern schafft auch Möglichkeiten, die es zuvor nicht gab. Das einfachste Beispiel sind Verkaufsprodukte. Zur Zeit meiner Eltern war deren Haushaltswarenladen in meiner 30.000-Seelen-Heimatstadt beinahe konkurrenzlos. Dies änderte sich zuerst durch die großen Handelsketten und später durch das Internet. Die Welt des Handels ist ein Nullsummenspiel: Was der eine verliert, gewinnt jemand anderes. Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr Menschen nehmen an diesem Spiel teil. Und während sich meine eigenen Präsenz-Seminar-Angebote wie bei vielen Trainern aufgrund der Fahrtkosten und des Zeitaufwands bislang auf einen bestimmten Radius begrenzten, könnte ich mittlerweile ohne Mehraufwand in Brasilien ein Online-Seminar für deutsche Auswanderer geben.

Die Digitalisierung löst unsere Bindung an Raum und Zeit auf

Ich kann morgens um acht Uhr aufstehen, mir einen Kaffee machen und eine Kleinigkeit essen, von neun bis zwölf Uhr ein Seminar geben und anschließend mit meinen Kindern zu Mittag essen. Wenn wir lernen, unser Arbeitsleben vom Privaten zu trennen, könnte dies ein Teil der schönen neuen Welt sein. Ohne Übergangszeit wird es allerdings nicht funktionieren. Mitarbeiter im Homeoffice machten gerade reihenweise die Erfahrung, wie schwierig gerade diese Trennung ist – noch dazu unter extremen Bedingungen wie der Heimbeschulung inklusive einem doppelten Heimarbeitsplatz in zu wenig Räumen. Selbstständige kennen auch das bereits. Wer nicht gelernt hat, sich hier sauber abzugrenzen und zu organisieren, bekommt tagsüber keine kreativen Ideen und am Abend stattdessen Kopfschmerzen.

Bisher gab es vor allem drei Faktoren, die Selbstständige daran hinderten, wieder ins abhängige Berufsleben einzusteigen:

  1. Die Angst vor Freiheitsverlust: Wer einmal vom süßen Honig der vollkommenen Freiheit naschte, war für immer verdorben. Erfolgreiche Selbstständige verrennen sich lieber in eine neue Idee, die nichts bringt, anstatt sich unterzuordnen.
  2. Das Vorurteil, ein Querkopf zu sein: Dazu passt auf der anderen Seite das Vorurteil der Unternehmen, Selbstständige nicht in Teams einbinden zu können. Ganz unrecht haben sie nicht. Ganz recht jedoch auch nicht.
  3. Die fehlenden Angebote: Wer sich als Selbstständiger ab und an am Markt umsah, stieß in großer Mehrheit entweder auf zeitlich begrenzte Projekte oder auf Vollzeitstellen, die sich kaum mit den eigenen aktuell laufenden Verträgen vereinbaren ließen. So als wollten die Firmen damit aussagen: Wenn schon, dann gehörst du uns zu 100%.

Bisher war der Stolz bei vielen Selbstständigen zu groß, auch in schwierigen Zeiten das bisher Aufgebaute komplett niederzureißen und sich in den Hafen der Sicherheit zu retten. Wer sich über Jahrzehnte eine Existenz aufbaute, gibt dies nicht so einfach auf und beantragt flugs Hartz-4 – wie es Künstlern in Bayern nahe gelegt wurde. Der Lockdown, auch der partiell-drohende, mischt die Karten neu.

Digitalisierung verdoppelt den Aufwand

Als Trainer bereite ich derzeit jedes Seminar doppelt vor: Einmal in Präsenz und einmal mit einer angepassten Didaktik digital. Zudem fallen viele Aufträge ohnehin weg, weil einigen Firmen der Aufwand zu groß ist, sich nach größeren Räumen umzusehen und Termine doppelt zu blocken. Ähnliches gilt für alle Freiberufler, die mit Menschen zu tun haben: Moderatoren, Mediatioren, Coaches, Therapeuten, Musiker, Hebammen, Pfleger, Masseure, Berater oder Architekten, um eine kleine Auswahl zu nennen. Ich habe das Gefühl, die ständigen terminlichen Umbuchungen mancher Dienstleister zogen einen größeren Aufwand nach sich als die tatsächliche Arbeit.

Für einen begrenzten Zeitraum erscheint es mit Hilfe einiger Rücklagen und einer Menge Beharrlichkeit möglich, durchzuhalten. Die letzten Monate zeigten uns jedoch, wie schnell selbst Freiberuflern mit einem ehemals dicken Polster das Wasser in den Mund läuft. Von der nervlichen Belastung ganz zu schweigen. Sollte es mit den Maßnahmen so weiter gehen, könnten sich einige Selbstständige überlegen, sich doch wieder auf den Markt für Angestellte zu werfen. Kommt es dann zu einem Konkurrenzkampf zwischen Freiberuflern und wechselnden Mitarbeitern?

Was kommt auf uns zu?

Gleichzeitig wird die Loyalität und Beständigkeit, die früher einen guten Mitarbeiter ausmachte, immer weniger wichtig. Die Flexibilität und das initiative Denken eines Selbstständigen wird nun auch von den bisherigen Mitarbeitern mehr und mehr gefordert. Wenn Mitarbeiter in Zukunft zwei Drittel ihrer Arbeitszeit im Homeoffice verbringen, bleibt ihnen schließlich nichts anderes übrig. Was liegt da näher, als das „Original“ zu nehmen, das dann allerdings re-sozialisiert werden muss, damit der Anschluss ans Unternehmen passt?

Und schließlich stellt sich die Frage, wie der Markt auf Selbständige reagiert, die sich nicht zu 100% binden wollen? Werden Stellenangebote angepasst oder nicht? Ein guter Freelancer ist nicht scheinselbstständig, sondern verfügt auch in der Krise über einige Aufträge, wenn auch weniger als zuvor, die er nicht aufgeben möchte.

Fazit

Sollte sich die deutsche Wirtschaft wieder nachhaltig erholen, nimmt auch der Konkurrenzkampf zwischen Selbstständigen und klassischen Mitarbeitern an Fahrt auf. Unternehmen sollten sich daher bereits jetzt Gedanken darüber machen, wie sie ihre Teams am besten zusammenstellen, wieviel Selbstständigkeit, Flexibilität und Beständigkeit sie gerne hätten und ob sie lieber klassischen Mitarbeitern mehr Agilität beibringen oder Freiberufler re-sozialisieren wollen.