16. Oktober 2020 | Hüblers Bunker-Chroniken

Eine starke Stimme im Homeoffice I

In diesem Beitrag der Bunker-Chroniken – und dem folgenden – macht sich  Michael Hübler Gedanken darüber, welche Wirkung unsere Stimme in virtuellen Besprechungen haben kann. Gerade bei Videokonferenzen kommt es auf kleine Nuancen an, um seine Meinung zu vertreten. Welche Wirkung unsere Stimme im Homeoffice und in der digitalen Welt zukommt, bespricht er im Folgenden.

I Von Stimmproblemen zur Erhöhung der eigenen Wirkung

1 Das Problem mit den Stimmproblemen

Piepsstimme

Hier hat jemand Angst vor seiner eigener Courage.
Lösungen: Machen Sie sich nicht künstlich klein. Denken Sie an etwas Leckeres zu essen und lassen Ihre Stimme mit einem kräftigen Mmh reagieren. Damit finden Sie Ihren Eigenton und kommen weg von einer überhöhten Stimme.

Polterstimme

Hier werden die sanfteren, emotional fragilen Töne übergangen.
Lösungen: Welche Emotionen sind bei Ihnen sonst noch vorhanden und was wollen Sie ihnen sagen?

Scharfe, schneidende Stimme

Hier werden andere (vor-)verurteilt.
Lösungen: Versuchen Sie, sich in Ihr gegenüber hineinzuversetzen. Lassen Sie sich Zeit mit einer Meinungsbildung.

Schrille Stimme

Hier soll ein (künstlicher) Alarm hergestellt werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Lösungen: Auch hier hilft der regelmäßige Bezug zu Ihrem Eigenton mit einem kräftigen Mhhh. Diese Mittellage, ich werde später noch intensiver darauf eingehen, wirkt auf Zuhörer vertrauenserweckend bis beruhigend. Machen Sie sich zudem Gedanken darüber, wann ein Alarm wirklich erforderlich ist.

Undeutliche Aussprache

Hier will vermutlich jemand gar nicht verstanden werden.
Lösungen: Wollen Sie wirklich gehört werden? Was wollen Sie mitteilen? Und was soll schon Schlimmes passieren, wenn Sie Ihre Meinung kundtun?

Zittrige Stimme

Hier kann es sich um eine tiefe emotionale Betroffenheit handeln oder um Unsicherheit.
Lösungen: Bereiten Sie sich besser vor und gestehen sich ein, dass Reden zu halten Übungssache sind. Fokussieren Sie nach einer Rede die positiven Seiten. Sagen Sie nicht zu sich: Ich bin nicht bei den Teilnehmern angekommen, sondern: Niemand hat mich kritisiert. Manchmal sind es die leisen Töne, die nachhaltig wirken. Und oftmals wissen wir gar nicht, was wir wirklich bewegen.

Weinerliche Stimme

Eine weinerliche Stimme fordert zu Mitleid auf.
Lösungen: Überlegen Sie, welches Bedürfnis Sie wirklich haben und äußern dieses.

Kloß im Hals

Ein Kloß im Hals verhindert, dass ich frei heraus sprechen kann.
Lösungen: Überlegen Sie, was so belastend ist, dass es Ihnen den Hals verstopft?

Ständiges Räuspern

Hier bereitet sich jemand, der Angst hat, nicht zu Wort zu kommen, auf seine Rede vor.
Lösungen: Trinken Sie ein Glas Wasser. Oft verschwindet der Drang sich zu räuspern von alleine, wenn man weiterspricht.

Feuchte Aussprache

Hier scheint sich jemand selbst zu überholen.
Lösungen: Sprechen Sie langsamer.

Heiserkeit

Hier hat jemand die Nase voll. Etwas will heraus. Die Welt soll angeschrien werden, was jedoch nicht erlaubt ist.
Lösungen: Äußern Sie auf eine wertschätzende Art, was Ihnen nicht passt oder welche Probleme Sie sehen.

2. Wie unsere Stimme aktiviert oder beruhigt

Wie wirken Sie?

Unsere Stimme kann je nach Modulation ganz unterschiedlich wirken. Sie kann:

  • hoch oder tief und damit alarmierend oder beruhigend sein.
  • kräftig und vollmundig und damit souverän und auffordernd oder schwach, leise und zittrig sein und damit zögerlich wirken.
  •  klar und damit sicher oder verwaschen und nuschelnd sein und damit unsicher wirken.
  • warm und weich und damit mitfühlend oder kalt und hart sein und damit gefühlskalt und distanziert wirken.
  • frisch sein und damit hoch motiviert oder verbraucht und damit bestenfalls erfahrungsschwanger.
  • emotional aufgeregt oder sachlich abgeklärt sein.
  • präsent oder abwesend sein.
  • entspannt und damit Ruhe vermitteln oder gehetzt sein und damit bestenfalls energetisieren und schlimmstenfalls stressen.
  • melodisch und rhythmisch sein und damit mitreißen oder monoton, stockend und holprig sein und damit langweilen und verwirren.

Gerade über die Distanz im Homeoffice ist es wichtig, sich der Wirkung seiner Stimme und Aussprache bewusst zu werden, um Nähe und Bindung herzustellen oder eine klare und stimmige Aussage gerade über die Distanz zu fördern.

Der folgende Fragebogen vermittelt Ihnen eine erste Standortbestimmung zur Überprüfung der eigenen Stimmqualität und des Einsatzes Ihrer Stimme:

0 %25 %50 %75 %100 %
Meine Stimme ist sicher und fest.
Meine Stimme klingt rund und voll.
Ich spreche unverkrampft und locker.
Mein körperliches Empfinden ich locker und frei von inneren Hemmnissen.
Auch nach langem Sprechen klingt meine Stimme nicht angestrengt. Ich bin selten heiser.
Ich kann auch große Räume stimmlich gut ausfüllen.
Meine Aussprache ich im Allgemeinen klar und deutlich und ich werde gut verstanden.
Ich fühle mich in Sprechsituationen, auch auf einer Bühne, sicher und wohl.
Ich variiere meine Stimme regelmäßig, verändere z. B. das Tempo, den Rhytmus oder die Lautstärke und setze gezielt Betonungen, um eine emotionale Wirkung zu erzielen.
Ich bin nicht nur bei mir, sondern achte auch darauf, wie meine Worte bei meinen Gesprächspartnern ankommen und passe mich den Befindlichkeiten meines Publikums an.
Ich treffe in der Regel das passende Sprechtempo und baue beim Reden genügend Pausen ein, damit meine Zuhörer mit meinen Gedanken mitkommen das Gehörte verarbeiten können.
Ich hake ab und zu nach, ob ich gut verstanden werde.

Aktivierende oder beruhigende Stimmungen erzeugen

Unser Leben wird bestimmt durch Aktivierung und Beruhigung. Eine dauerhafte Aktivierung führt zu Hektik und Stress, eine zu geringe Aktivierung zu Langeweile und Depressionen.

Hören wir einem Redner zu, kann auch dieser uns alleine durch seine Stimme in eine gelangweilte oder euphorische Stimmung versetzen. Die Experten unterscheiden hierzu trophotrope und ergotrope Stimmen. Trophotrope Stimmen wirken beruhigend, monoton, einschläfernd oder hypnotisch, wie wir es bestenfalls aus der Hypnotherapie kennen oder aus regliösen Veranstaltungen, wenn Litaneien oder Mantras gesunden werden oder „geommhht“ wird.

Ergotrope Stimmen hingegen umschwirren uns in der neuen Medienwelt. Wenn wir uns ein wahlloses Video eines hippen jungen YouTubers anschauen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir uns in einem Daueralarmismus befinden. Hier scheint es kaum noch normale Tonhöhen zu geben. Manche Menschen wohnen geradezu in den höheren Tonlagen. Der Ton ist offensichtlich in einer Dauermotivationsschleife gefangen. Es heißt schließlich nicht umsonst Dauerwerbesendung. Ich habe mir vor einigen Stunden Mikrofon-Test-Videos angesehen und mir schwirren immer noch die Anfangssätze im Kopf herum: „Hey guys! What‘s up? Here is another video from …“ Alleine die Vorstellung dieser Einstiegssätze in einer monotonen Stimme wiederzugeben (bitte jetzt beim Lesen nachmachen), verdeutlicht das Satirepotenzial einer Welt in Dauererregung.

Im letzten  Artikel zum Thema Stimme ging es bereits um die verschiedenen Möglichkeiten einer Aktivierung der Stimme. Diese Möglichkeiten können wir nun in der Gesamtheit einem aktivierenden Muster zuordnen. Stark ausgeprägte Rhythmen, im Extremfall mit Staccato-Betonungen wie wir sie aus Befehlen in Militärfilmen kennen, eine schnelle Sprechweise, eine hohe Dynamik zwischen laut und leise und eine Variation der Tonhöhen führen zu einer starken Aktivierung unseres Gegenübers. Die Zuhörer sind wach und selbst aktiv dabei. Dies lässt sich sogar anhand der Herzfrequenz messen.

Sanfte Rhythmen, ein gleichmäßiges Sprechtempo mit aneinander gebundenen Wörtern im Legato-Stil, kaum Modulationen zwischen laut und leise und wenig Variationen in den Tonhöhen, es wird also nicht gesungen, wirken beruhigend.

Wie sich aufgrund meiner Kritik an unserer hyperventilierenden Welt bereits vermuten lässt, hat nicht nur der aktivierende Stil seine Berechtigung, sondern auch der beruhigende. Wenn ich „Feuer!“ rufe, sollte es auch brennen. Wenn ich jedoch ständig „Feuer!“ rufe und es brennt gar nicht, nutzt sich die Daueraufregung irgendwann einmal ab.

Daher ist es wichtig, sich klar zu machen, welches Stimmmuster ich wann und wofür verwenden sollte. Das aktivierende Muster eignet sich für Einstiegssätze in Meetings, Begrüßungen, Informationsmitteilungen, der Vermittlung von Begeisterung, Spaß und Engagement, einem kreativen Austausch im Team und dem Ausdruck von Wut, Ärger und Frustrationen. Das beruhigende Muster ist sinnvoll bei Fragestellungen, der Einladung zur Reflexion, der Mitteilung einer Enttäuschung, einem nachdenklichen Feedback oder bei der Ansprache von Kritik und Problemen, ohne dass es im Reiz-Reaktions-Schema zu einer Gegenwehr kommt.

Zwischen einer beruhigenden und aktivierenden Stimmlage befindet sich unsere mehr oder weniger normale Stimme, die wir durch das Summen eines Mhs finden oder wenn wir sagen: „Ich denke jetzt mal laut“, „Nur so ins Blaue gedacht“, „Ich habe mir noch keine Meinung gebildet“, „Da muss ich noch drüber nachdenken“, „Das überrascht mich“ oder „Ich staune“. Diese mittlere Stimmlage will weder deeskalieren oder sich empathisch einfühlen, noch motivieren und begeistern. Hier sind wir bei uns und verfolgen keine direkten Ziele. Deshalb sprechen Stimmexperten in diesem Bereich von unserer ehrlichen Stimmlage, von der sich niemand wie auch immer bedroht fühlen muss.

Diese Stimmlage zu nutzen ist sinnvoll, wenn wir ein Team auf ein wichtige Veränderung oder ein schwieriges Thema vorbereiten wollen, um Vertrauen zu schaffen. Steigen Führungskräfte bei schwierigen Themen zu hoch ein, sind die Mitarbeiter. Sie wissen noch nicht einmal, um was es geht und sollen schon begeistert sein. Steigen Sie zu tief ein, denkt sich der Mitarbeiter: Meine Führungskraft nimmt das selbst nicht ernst. Und die Macht des ersten Moments brauche ich wohl nicht sonderlich erwähnen.

Zur Selbstreflexion bietet es sich an, sich eine Skala zwischen einer extrem aktivierenden und einer extrem beruhigenden Stimme vorzustellen:

  1. Beruhigungs-Stimme
  2. Hypnotisierende Trance-Stimme
  3. Nachdenkliche Stimme
  4. Ruhige Normal-Stimme
  5. Fröhliche Normal-Stimme
  6. Motivierende Stimme
  7. Mitreißende Stimme
  8. Bestimmende Stimme
  9. Alarm-Stimme

Fühlen Sie sich eingeladen, auf der Basis dieser Abstufungen Ihre eigenen kleinen Unterschiede zu finden. Da Sie im Homeoffice niemand beobachtet, kann es nicht schaden, sich diese Skala auszudrucken und neben den Bildschirm zu hängen.

Um von einer monotonen über eine beruhigende bis zu einer mitreißenden Stimme zu kommen, sollten wir uns die verschiedenen Möglichkeiten, mehr Emotionalität in die Stimme zu bekommen, noch einmal genauer anzusehen:

  1. Rhythmik: Eine gewisse Rhythmik zur Herstellung einer Legato-Stimmung brauchen wir für einen beruhigenden oder hypnotischen Vortrag. Je mehr in der Rhythmik das Staccatohafte zunimmt, desto energetisierender wird es. Die Rhythmik spielt damit in unterschiedlicher Weise ab der Stufe zwei eine Rolle.
  2. Tonmelodie: Die Variation der Tonhöhen spricht für eine Lebendigkeit zwischen Freude und Enttäuschung. Je mehr Begeisterung hinzukommt, desto höher werden die Töne. Die Tonmelodie spielt damit spätestens ab Stufe fünf eine wichtige Rolle.
  3. Sprechtempo: Mit der Begeisterung steigt nicht nur die Tonhöhe, sondern auch das Sprechtempo. Auch eine staccatohafte Rhythmik fördert in der Regel die Schnelligkeit. Ein träger Mensch spricht nunmal selten schnell. Auf das Sprechtempo sollten Sie daher ebenso ab Stufe fünf achten.
  4. Lautstärke: Zuletzt steigt die Lautstärke an. Lautstärke ist ein Zeichen von Kraft, Energie und Dominanz und passt daher gut ab Stufe sechs.

Weiter geht es mit Teil II

Im  2. Teil zum Thema „Eine starke Stimme im Homeoffice“ geht es um praktische Tipps zur Erhöhung der Wirkung Ihrer Stimme.


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Noch mehr Beiträge aus den Bunker-Chroniken findet ihr
 hier.
Mehr zur Bedeutung unserer Stimme gibt es im  zweiten Teil des Beitrags.

 

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

Bei metropolitan von Michael Hübler erschienen:

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