9. Juli 2020 | Hüblers Bunker-Chroniken

Ist digital das neue „Normal“?

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich gezwungenermaßen mit der vielfältigen Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt!

In gewohnt kritischer, leicht zynischer, aber auch humorvoller Manier beschäftigt sich  Michael Hübler mit der derzeitigen Situation und reflektiert über Themen, die ihn bewegen. Damit möchte er Mut machen, Ablenkung schaffen, vielleicht auch zum Nachdenken anregen in einer aktuell schwierigen Zeit, der wir uns als Gesellschaft, Familie, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch als Freunde und Individuum stellen müssen. Daraus entstehen – mit dem ihm so typischen Augenzwinkern – die Hübler Bunker-Chroniken.

Seit März 2020 beherrscht Corona unser Leben, sowohl beruflich, vor allem aber auch privat. Zwar war das Thema „Digitalisierung“ bereits zuvor omnipräsent, doch irgendwie weitestgehend ein Mysterium oder ein bevorstehendes, stets geplantes – oder auch drohendes – Ereignis. Plötzlich aber ging alles ganz schnell und auf einmal scheint alles nur noch digital stattzufinden: Digitale Klassenzimmer, Videokonferenzen, Online-Tutorials, Webinare, sogar virtuelle Marathons. Ist das alles wirklich sinnvoll? Bleibt das so? Wollen wir das? Im heutigen Beitrag setzt sich  Michael Hübler genau damit auseinander: Ist digital das neue „Normal“?

Wie normal ist digital?

Neulich lief ich an einem Schild in einem Schaufenster vorbei. Dort stand geschrieben: „Digital ist das neue normal?“ In der Tat wird allerorten gevideochattet, was das Zeug hält.  Die Haufe-Studie „Wir nach Corona“ unterfüttert diese Wahrnehmung mit der Erkenntnis, dass 49 Prozent der befragten Unternehmen in Zukunft mehr in die Digitalisierung investieren wollen. Und 70 Prozent sehen hier noch eine Menge Luft nach oben. Wer hätte das gedacht?

Bei aller Euphorie dieser durch die Corona-Maßnahmen angetriebenen digitalen Kulturrevolution sollten wir jedoch die Bedenken, die es bisher zur Digitalisierung gab, nicht aus den Augen verlieren. Schauen wir uns daher in diesem Artikel zwei zentrale Aspekte an, um das Für und Wider der Digitaliserung zu beleuchten: Zum einen die sachliche Unterscheidung zwischen Effizienz und Effektivität und zum anderen die menschliche Komponente zwischen Nähe und Distanz.

Effizienz und Effektivität digitaler Kontakte

In meinem letzten Artikel stellte ich einige Hypothesen zur Neuordnung der Geschäftskontakte zwischen einer Globalisierung und neuen Lokalisierung auf. Bei dieser Neuordnung spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Wurde vor der Krise angemahnt, dass die Digitalisierung in Schulen, Universitäten und Firmen weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückliegt, gibt es nun die gegenteilige Erfahrung, dass ausschließlich digitale Meetings kein Ersatz für einen ganzheitlichen und damit vertrauensvollen Austausch bieten. Dass sich darin nicht automatisch ein Generationenproblem widerspiegelt, zeigen studentische Demonstrationen Ende Juni, um darauf hinzuweisen, dass eine reine digitale Lehre auf Dauer nicht der Heilsbringer ist, den sich manche Verantwortliche wünschen.

In der Tat sollten beim Thema Digitalisierung die Begriffe Effizienz und Effektivität unterschieden werden. Die Digitalisierung als Treiber für Agilität schafft es, Informationen schneller als bisher an möglichst viele Menschen zu verteilen. Sie verfügt damit über eine enorme Effizienz. Dazu ein simples Beispiel:

In einem Vortrag zum Thema ″Agiles Führen“ von eineinhalb Stunden kann ich alle wesentlichen Aspekte vermitteln. Ob mir dabei fünf Personen oder 100 zusehen, ist mir als Referent relativ egal. Ich kann sogar eine anschließende Fragerunde einleiten, bei der sich, wie grundsätzlich immer in Seminaren, etwa 1/3 der Teilnehmer melden werden. Nach etwa zwei Stunden wird die Geschichte beendet.

Ein Blick auf die sogenannte Wissenstreppe verdeutlicht, welche Inhalte sich digital übertragen lassen und welche nicht. Im Rahmen dieses Webinars werden Informationen vermittelt. Ein konkretes Wissen und damit der Anwendungsbezug ist ebenso Teil der Kommunikation, wenn ich mit konkreten Beispielen arbeite. Die Überführung dieses Wissens in ein Können und konkretes Handeln lässt sich in einem Webinar jedoch schlechter erreichen als im Rahmen eines Präsenzseminars. Dort lassen sich mentale Simulationen durch die Beziehungsebene wesentlich eleganter durchführen. Im Rahmen eines Präsenzseminars lassen sich Situationen kreieren, in denen Teilnehmer leichter in den gemeinsamen Erfahrungsaustausch gehen.

Auch in vermeintlichen uneffizienten Situationen wie in Pausen, am Essenstisch oder am Getränkeautomaten, findet ein zwangloser Austausch über das Wissen, Können, Handeln und die Komptenzen der Austauschpartner statt. Dies wirkt paradoxerweise umso effektiver, weil sich Geschäftspartner meist nicht bewusst darüber sind, dass sie gerade etwas voneinander lernen. Zudem wirkt hier der Austausch auf Augenhöhe, den bereits in den 1970er-Jahren der Psychologe Albert Bandura als Lernen an einem möglichst ähnlichen Modell beschrieb.

Der digitalisierte Kontakt führt kurzum zu einer Erhöhung der Effizienz, weil hier viele Informationen schneller als analog an möglichst viele Menschen von A nach B transportiert werden. Ob er auch effektiv ist, hängt von der Frage nach der Zielstellung ab, das heißt dem Effekt. Lautet die Zielstellung, Wissen zu vermitteln, ist die Digitalisierung nicht nur effizient, sondern auch effektiv. Gibt es weitere Ziele wie ein Lernen voneinander, dem kreativen Austausch, dem Aufbau von Beziehungen, Vertrauen und Bindung, beispielsweise durch Small Talk zwischen Führung und Mitarbeitern, die Bearbeitung schwieriger und konfliktreicher Themen oder der ungerichtete, zwanglose Austausch von Informationen am Kaffeeautomaten, ist die Digitalisierung denkbar ungeeignet.

Der Austausch im Digitalen folgt einer Logik von Nullen und Einsen. Etwas ist wahr oder falsch. Eine Information hilft mir weiter oder nicht. Ein Webinar fördert mein Wissen oder nicht. Ein Geschäftspartner ist vertrauenserweckend oder nicht. Ein Angebot ist zu teuer oder nicht. Im Digitalen sehen wir nur einen Momentausschnitt der Welt. Eine Aussage, ein Angebot oder Geschäftspartner, den wir noch nicht kennen, wird sofort als passend oder nicht passend eingeordnet. Hinzu kommt, das wir uns im Digitalen weniger Zeit zur Bewertung nehmen.

Deshalb ist es unproblematisch, Informationen und Wissen digital weiterzuleiten. Es ist jedoch problematisch, in einen echten Austausch zu gehen. Stellvertretend dazu mag dies die Randnotiz illustrieren, dass Führungskräfte in der Krise auf die Frage, wie es ihren Mitarbeitern geht, kaum eine Antwort bekamen. Eine Möglichkeit zum Aufbau von Nähe könnte das erwähnte Telefon bieten. Auf Dauer fehlt jedoch auch hier der echte und direkte Kontakt auf allen verbalen und nonverbalen Ebenen, den wir Menschen offensichtlich nicht nur emotional brauchen, um uns wohlzufühlen, sondern der uns auch die Sicherheit gibt, auf einer vertrauensvollen Basis zusammenzuarbeiten.

Die Balance zwischen Nähe und Distanz in der Zukunft

Wer aktuell Menschen befragt, die kaum direkte Präsenzkontakte in der Krise hatten, bekommt meist folgende Antworten:

„Es ging auch so, allerdings am besten mit Geschäftspartnern, die ich bereits kannte.

Wer sich noch nicht kennt, geht im Digitalen nicht nur auf räumliche, sondern auch auf emotionale Distanz. Wir wissen schon seit den 1960er-Jahren, dass wir lediglich zu etwa 30 Prozent verbal kommunizieren, den Rest stimmlich, mimisch und körpersprachlich. In digitalen Settings erkenne ich jedoch nicht, ob sich jemand wegdreht oder eine offene Körperhaltung einnimmt. Zudem fördert das Sitzen auf einem Sessel nicht die Offenheit in einem Gespräch. Wer in einer ungesunden Haltung in einen Bildschirm stiert, bringt neurobiologisch auch nicht die Lockerheit mit, mit der er ansonsten in einer stehenden, lockeren Haltung seinem Gegenüber begegnet.

„Ich vermisse meine Kollegen.“

Das Bedürfnis nach Nähe mag in manchen Corona-Partys extrem ausgelebt worden sein. Der Fokus auf die wirtschaftliche Misere der Organisatoren von Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest, Musikfestivals oder Discos, die in nächster Zeit nicht stattfinden werden, verdeckt die Tatsache, dass seit Jahrtausenden Zusammenkünfte stattfinden, was für den Menschen offensichtlich wichtig ist. Die Mikrobenforschung (Stichwort: Darm mit Charme von Giulia Endres) legt nahe, dass Großveranstaltungen und damit menschliche, auch körperliche Nähe nicht nur für den Austausch des neuesten Klatsches oder für das Feiern eines bestimmten Ereignisses wie bei einer Sportveranstaltung, Ostern oder Weihnachten zur Verdeutlichung des Zusammenhalts und der Bestätigung gemeinsamer kultureller Werte wichtig sind – diese Möglichkeit besteht auch im Digitalen –, sondern ebenso für unsere biologische Gesundheit, respektive unser Immunsystem eine Bedeutung haben. Hinzu kommt die verbindende Wirkung von Veranstaltungen, die sich digital mehr schlecht als recht simulieren lässt. Nicht jeder Mensch braucht Großveranstaltungen. Den ein oder anderen Nahkontakt braucht jedoch jeder.

In aller Kürze: Die Mikroben in und auf uns Menschen helfen uns bei vielfältigen Aufgaben wie beispielsweise der Verdauung. Hätten die Mikroben auf unserer Haut langfristig keinen Austausch mit den Mikroben anderer Menschen, bekämen wir ernsthafte gesundheitliche Probleme. Eine Dystopie wie sie in der Geschichte „Die Maschine steht still“ von E. M. Forster beschrieben wird, demselben Autor, der „Zimmer mit Aussicht“ und „Wiedersehen in Howards End“ verfasste, wird damit vermutlich nicht stattfinden. Die Menschen in dieser Kurzgeschichte leben abgekapselt voneinander in kleinen Waben, aus denen heraus sie miteinander kommunizieren. Der Besuch an der Erdoberfläche ist ebenso verboten wie die Kontaktaufnahme mit anderer Menschen im richtigen Leben. Das Leben wird von der sogenannten Maschine bestimmt.

Diese Dystopie von 1909 gilt aktuell vielen Menschen als Warnung und transportiert gleichzeitig Ängste über eine drohende Zukunft. Das Wissen darum, dass viele junge, vor allem männliche Digital Natives digitale Kontakte dem realen Leben vorziehen, wenn sie LAN-Partys veranstalten anstatt auf den Fußballplatz zu gehen, in Kneipen nebeneinander sitzen und gleichzeitig in ihren schwarzen Bildschirm starren und Universitäten auch im nächsten Semester komplett auf eine Online-Lehre umstellen wollen, verleiht dieser Dystopie in Verbindung mit dem Lockdown durch die Pandemie eine extreme und dennoch teilweise Wahrscheinlichkeit. Für manche Menschen, beispielsweise Autisten, sind die neuen Möglichkeiten des Homeoffices ein wahrer Segen.

Wer jedoch aktuell durch die Straßen läuft und sich die Szenerien in den Cafés, Parkanlagen und Biergärten ansieht, realisiert, dass diese Vision einer dauerhaften sozialen Distanz dem Bedürfnis der meisten Menschen widerspricht. Und wer sich mit Studenten unterhält, erfährt, dass auch ihnen in einer Online-Lehre das Lernen miteinander und voneinander fehlt. Eine dauerhafte nationale oder globale Separierung ist allenfalls aufgrund einer wesentlich schlimmeren Bedrohung, beispielsweise aufgrund eines Atomunfalls, realistisch.

Dabei zeigt sich eine starke Unterscheidung zwischen der Welt öffentlicher Einrichtungen und Dienste wie Universitäten, Schulen oder Bibliotheken und der restlichen Welt aus Gaststätten, Unternehmen sowie dem normalen öffentlichen Leben in Fußgängerzonen, Biergärten und Stadtparks. Während es auf der einen Seite noch sehr streng zugeht, scheint auf der anderen Seite die Krise mehr oder weniger vorbei zu sein.

„Ich merke, dass ich nicht jeden Menschen herzen möchte.“

Das Verhältnis von Nähe und Distanz wird nach der Krise neu austariert. Ähnlich wie das pauschale Duzen in manchen Unternehmen werden auch Umarmungen und andere Nähebekundungen aufgrund der Krise überdacht. Vielleicht ergibt sich damit eine Chance, die Nähe in Geschäftsbeziehungen neu auszuhandeln. Im Zuge des Virus überlege ich mir gut, wen ich umarmen will und wen nicht

 


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Dranbleiben!

 

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

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