9. Oktober 2017 | Jobsuche

Ist es einfacher, sich aus einem gekündigten als aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis zu bewerben?

Selbstbestimmte Trennung

Schwerpunktmäßig kann ich meine Klienten in zwei Kategorien einteilen. Es gibt solche, die sich in einem bestehenden Arbeitsverhältnis befinden.

Es kann sein, dass die Lebensumstände nicht länger zum Job passen. Wer Single ist, hat möglicherweise keine Probleme mit einer intensiven Reisetätigkeit. Ich habe Mandanten betreut, die mehr als die Hälfte der Zeit in China verbrachten, z.B. für den Aufbau einer Produktionslinie. Als sich dann die Beziehung zum Partner festigte und das erste Kind geboren wurde, passte der Lebensentwurf nicht länger.

Bei anderen war die Zusammenarbeit mit dem neuen Chef nicht mehr stimmig. In wieder anderen Fällen wurde die Firma von neuen Eigentümern übernommen und die Kultur veränderte sich.

In jeder beschriebenen Situation kam der Druck von innen und der Wunsch nach einer Neu-Orientierung jeweils von dem Kandidaten selbst.

Fremdbestimmte Neu-Orientierung

Die zweite Kategorie erlebte den Druck von außen. Entweder lag eine Kündigung vor. In vielen Fällen wurde eine Aufhebungsvereinbarung unterschrieben, die manchmal mit einer Freistellung verbunden war. Bei wieder anderen fand ein offener Dialog statt. Der Klient wusste um einen gewissen Zeitraum, in dem ein neuer Job gefunden werden sollte. Sonst würde es ungemütlich werden.

Die Tücken der Bewerbung aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis

An diesem Punkt trennen sich die Geister. Personen, die Druck erleben, sind häufig der Meinung, dass es einfacher sei, sich aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus zu bewerben. Dem möchte ich nicht grundsätzlich widersprechen, aber zumindest relativieren.

Nach vielen Gesprächen mit meinen Mandanten weiß ich, wie schwierig es ist, neben einem anspruchsvollen Job, während der Woche oder am Wochenende noch Bewerbungen zu schreiben. Die Zeit ist zur Erholung da. Jede Bewerbung geht nun zu Lasten der Familie oder der Freizeit. Da es sich nicht um die tägliche Arbeit handelt, ist der Kandidat gezwungen, sich jeweils wieder einzuarbeiten. Das Versenden einer Bewerbung kann locker drei Stunden in Anspruch nehmen. Es ist bereits als große Leistung anzusehen, wenn eine Bewerbung pro Woche verschickt wird.

Es wird noch komplexer, wenn eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erfolgt. Dazu muss ein Urlaubstag eingereicht werden. Beim Zweit- oder Drittgespräch werden die Kollegen misstrauisch. Außerdem ist es schwierig auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Gestern fand das Interview in München statt und heute bin ich wieder in Köln um mich um das Tagesgeschäft zu kümmern.

Im Hintergrund schaut der Partner vielleicht nach Schulen in Bayern und ist erschrocken über die Preise für Mietwohnungen. Das Gleiche wiederholt sich in den darauffolgenden Wochen für Berlin, Hamburg und Frankfurt.

Begründung der Zeit der Arbeitssuche

Wer freigestellt ist, hat vielleicht eine ideale Sonderposition – zumindest solange das Arbeitsverhältnis noch besteht. Dabei spielt es keine Rolle, wenn heute bereits festgelegt wurde, dass der Arbeitsvertrag in sechs Monaten aufgelöst wird. Mit gutem Gewissen kann sich der Kandidat aus einem bestehenden Angestelltenverhältnis heraus bewerben.

Zeit oder Geld

Ich rate auch eher dazu – nach Möglichkeit – länger auf der Gehaltsliste zu verbleiben und auf eine (höhere) Abfindung zu verzichten. Es ist vielfach möglich, dass die nicht in Anspruch genommenen Monate bei vorheriger Kündigung als Bonus ausgezahlt werden. Der Arbeitgeber braucht nicht den Arbeitgeberanteil für das Gehalt zu zahlen. Am Ende haben alle gewonnen. Mir ist klar, dass ich hier eine Luxussituation beschreibe, in der sich nicht alle befinden.

Auszeit

Aber auch nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses ist Holland nicht in Not. Eine große Anzahl von Arbeitnehmern, denen dieses Schicksal widerfährt, plant diese Zeit bewusst als „Auszeit“. Wann geschieht es mal im Leben, dass jemand einige Monate zur Verfügung hat, die offenen Punkte zu erledigen, die sich angesammelt haben, oder sich mal die Herzenswünsche zu gönnen, für die nie Zeit war?

Arbeitgeber können sehr gut damit leben, wenn sich jemand drei Monate oder ein halbes Jahr die Zeit nimmt für persönliche Themen. In diesem Fall hört der Lebenslauf einfach bei der letzten Station auf. Bitte nicht „Arbeitsuche“ aufführen. Sie sind niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig.

Der Vorteil einer Bewerbungskampagne

Der Vorteil für die Kategorie der Bewerber, die nicht länger im Angestelltenverhältnis stehen: Sie können die Zeit planen. Sie werden nicht aus dem Prozess herausgerissen und können locker, z.B. in zwei Monaten hundert Kontakte auf den Weg zu bringen.

Natürlich soll hier nicht unnötig Pulver verschossen werden. Wer seine Bewerbungen alle in den Monaten Juli/August oder Dezember/Januar versendet, hat schlechtere Karten als derjenige, der die Zeiträume Februar/März oder September/Oktober anpeilt.

Wie viele Bewerbungen führen zum Erfolg?

Es stellt sich immer die Frage, wie viele Bewerbungen notwendig sind, damit sich der Erfolg einstellt. Natürlich kann die erste Bewerbung zum neuen Angestelltenverhältnis führen – es kann auch mal länger dauern. Ohne dass ich den wissenschaftlichen Beweis dafür erbringe, sondern lediglich aus der Beobachtung von mehreren hundert Bewerbern, rede ich immer von ca. zehn Bewerbungen, die zu einer Einladung zum Vorstellungsgespräch führen. Aus ca. zehn Interviews sollten drei bis vier Vertragsentwürfe resultieren. Selbstverständlich ist diese globale Aussage immer auch abhängig von der Qualifikation, dem Profil, der Qualität der Bewerbungsunterlagen, der Lebensphase oder Sympathiewerte.

Einladungen „reifen gemeinsam heran“…

Und hier ist der letzte Punkt, der die Nachteile, sich nicht aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus zu bewerben, relativiert: Wer viele Bewerbungen gleichzeitig auf den Weg bringt, kann auch damit rechnen, dass sich die Einladungen konzentrieren. Das stärkt die Verhandlungsposition und das Selbstbewusstsein. Außerdem ist es möglich, die Optionen gegeneinander abzuwägen. Beim ersten Arbeitgeber stimmt das Gehalt vielleicht nicht, beim zweiten ist die Distanz nicht optimal. In anderen Fällen gibt es vielleicht Fragen zum Klima, zum Chef oder zur Zukunft der Branche. Wenn diese Möglichkeiten aber gemeinsam „heranreifen“ kann eine individuelle, fundierte Entscheidung getroffen werden.

Über den Autor

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung, gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Jeden Monat zeigt er innovative und teils kuriose Ansichten und Herangehensweisen an Probleme, die garantiert jeder Bewerber in seinem Leben einmal erlebt hat – vom Bewerbungsprozess bis hin zum heiß ersehnten Gespräch, vom Berufseinstieg bis zum beruflichen Neuanfang.

Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.