12. Januar 2021 | Hüblers Bunker-Chroniken

Körpersprache in virtuellen Meetings

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich mit der Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt!

In gewohnt kritischer, leicht zynischer, aber auch humorvoller Manier reflektiert  Michael Hübler die derzeitige Situation und damit Themen, die ihn bewegen. Er möchte Mut machen, Ablenkung schaffen, vielleicht auch zum Nachdenken anregen in einer aktuell schwierigen Zeit. Eine Zeit, der wir uns als Gesellschaft, Familie, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch als Freunde und Individuum stellen müssen. Daraus entstehen – mit dem ihm so typischen Augenzwinkern – die Hübler Bunker-Chroniken.

Und auch im Jahr 2021 geht es weiter mit den Bunker-Chroniken, denn auch wenn wir es uns zu Beginn der Pandemie niemals hätten vorstellen können, bestimmt Corona nach wie vor unser tägliches Leben – beruflich wie privat. Auch im neuen Jahr sitzt ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung im Homeoffice. Ein positiver Trend zeigt sich: Der Umgang mit der virtuellen Arbeitswelt wird routinierter, zumindest was die technischen Begebenheiten betrifft.

Doch wie ist es um die weiteren Aspekte und Konventionen bestellt, die im virtuellen Umgang miteinander ebenfalls von Bedeutung sind? Ist es egal, wie ich vor der Kamera sitze? Kann ich mich verbal ausdrücken, wie ich will? Gelten die gewohnten Umgangsformen, wie wir sie aus Face-to-Face-Situationen kennen, auch im virtuellen Gespräch uneingeschränkt fort? Oder gibt es sogar neue Regeln für das virtuelle Miteinander? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Michael Hübler in dieser sowie in den kommenden Ausgaben seiner Bunker-Chroniken. Heute geht´s los mit dem Thema: Körpersprache in virtuellen Meetings.

Ist die Körpersprache im virtuellen Kontext noch wichtig?

In Präsenzveranstaltungen hieß es bisher: Das Gehirn Ihres Gegenübers erreichen Sie mit Ihren Worten. Sein Herz erreichen Sie mit Ihrem Auftreten. Dazu zählen Ihre Stimme genauso wie Ihre Körperhaltung, Gesten und Mimik. Die Bedeutung und Wirkung unserer Stimme gerade für eine Kommunikation auf Distanz beschrieb ich bereits in zwei weiteren Expert Talks. Der Bedeutung und Wirkung unserer Körpersprache widmen wir uns in diesem Talk.

Zwar sehen wir in einer Videokonferenz vor allem die obere Körperpartie, die Mimik ist in ihrer Schnelligkeit und Kürze des Gezeigten eher schwer zu erkennen, die Gesten der Hände sind je nach Weitwinkel der Webcam meistens abgeschnitten und die Körperhaltung beschränkt sich auf das Sitzen im Sessel. Dennoch sehen wir zum einen genau das, auch wenn es wenig ist. Zum anderen wirken sich Gesten und Haltung auf unsere Stimme und damit auf das Gesagte aus. Es macht folglich auch im Homeoffice einen Unterschied, wie wir dasitzen und ob wir ein Thema körpersprachlich begleiten.

Auch im Homeoffice gilt daher: Das Gesagte erreicht das Gehirn unserer Zuhörer. Wie wir etwas sagen macht uns sympathisch, empathisch oder durchsetzungsfähig.

Im Überblick lässt sich für eine angenehme Wirkung auf andere Personen festhalten:

  • In der Körpersprache gibt es drei Grundhaltungen: Überspannung, Unterspannung und die goldene Mitte. Überspannte Menschen können dominant, wütend oder ängstlich sein, mindestens aber in dieser Situation angespannt, unruhig und evtl. überreizt. Die Unterspannung deutet auf Trägheit oder Enttäuschung hin – ebenfalls keine gute Basis für ein produktives Gespräch. Bleibt noch die goldene Mitte übrig, gekennzeichnet durch offene Arme und eine angemessene Körperspannung, was auf die Offenheit hindeutet, sich intensiv miteinander auszutauschen. Halten Sie Ihre Schultern gerade. Seien Sie körperlich präsent und achten Sie auf eine offene Haltung. Stellen Sie sich vor, dass Sie Ihren Gesprächspartnern auch körperlich etwas mitteilen wollen.
  • Halten Sie Ihren Kopf gerade. Das ist gut für den Kehlkopf und suggeriert eine optimistische Körpersprache.
  • Unterstreichen Sie Ihre Wörter mit den Ihnen gewohnten Gesten. Unterstützende Gesten heißen nicht umsonst Illustratoren. Stören Sie sich nicht daran, dass Ihre Gesten evtl. nicht gesehen werden. Sie werden stattdessen gehört.
  • Ein Lächeln wird überall auf der Welt als Signal des Wohlwollens verstanden. Lächelt Sie ein Mensch herzlich an, was  Sie am breit nach oben gezogenen Mund und den verengten Augen inklusive der kleinen Lachmuskeln um die Augen herum erkennen, ist das Lächeln echt. Ein Lächeln ist die kürzeste Verbindung zwischen den Menschen. Sollte Sie ein Thema präsentieren oder einen Bericht abliefern, zu dem Sie wenig Bezug haben, wird sich kaum ein Lächeln ergeben. Vielleicht finden Sie dennoch einen positiven Zugang zu diesem Thema. Einen einzelnen Aspekt. Die Tatsache, dass Sie die Präsentation bald hinter sich haben. Oder die Neugier, wie das Thema bei Ihren Kolleginnen undKollegen ankommt.

In der Neurobiologie gibt es zudem ein Prinzip namens facial oder body feedback: Wenn Sie sich ein paar Sekunden selbst anlächeln, wird sich Ihre Stimmung heben, egal ob Sie zuvor gut gelaunt oder genervt waren. Dasselbe gilt für unsere Körperhaltung: Wenn Sie sich aufrecht hinsetzen werden Sie sich auch standhafter fühlen, als wenn Sie sich in Ihren Sitz fläzen. Ich weiß natürlich, wie bequem es Zuhause sein kann. Keine Konventionen. Kein Dresscode. Draußen stürmt es und Ihre Füße gerade im Winter gemütlich in eine Decke gepackt. Dennoch: Das Meeting dauert nicht ewig. Und im Anschluss dürfen Sie gerne wieder im Sessel versinken.

Dennoch gilt: Verlassen Sie sich im Homeoffice nicht auf die Wirkung Ihrer Körpersprache. Gerade, wenn Sie sich durchsetzen wollen, ist es sinnvoll, dies auch sprachlich zu tun.

Signale der Durchsetzung

Dominanz und Durchsetzung erfordern normalerweise einen großen Raum, um ihr Territorium zu kennzeichnen. Wir erkennen dies daran, dass dominante Menschen sich auf die Tische der Kolleginnen und Kollegen setzen, ihnen auf den Pelz rücken oder in der U-Bahn mithilfe ihrer Arme zwei Plätze beanspruchen. Dies ist in Webkonferenzen nicht möglich. Große Gesten wirken hier schnell affig. Was also bleibt uns hier übrig, um eine gute Präsentation hinzulegen, in einer Webkonferenz den Ton anzugeben oder zu signalisieren, in einer Diskussion an der Reihe zu sein?

Die meisten Zeichen der Dominanz wie Augenfunkeln, ein konzentrierter bis stechender Blick, zusammengepresste Lippen oder Zähne sind in Videokonferenzen zum einen kaum wahrnehmbar oder könnten zum anderen seltsam aufgenommen werden. Warum strengt der sich so an? Ist doch bloß eine Videokonferenz. In der Tat dient Dominanz der Ausdehnung eines Reviers, tatsächlich oder geistig. Dies erscheint in virtuellen Settings fehl am Platz. Dennoch gilt es, sich im Rahmen von Diskussionen Gehör zu verschaffen. Dazu lassen sich vor allem die Hände auf allerlei Arten einsetzen. Ihre Hände können ein Stop-Signal senden, sich melden, eine Kritik abwehren oder mit der flachen Hand beschwichtigend einwirken. Handsignale sind gerade in Videokonferenzen am leichtesten zu sehen. Es gibt einige Experten, die den Tipp geben, für mehr Spielraum der Hände die Kamera weiter weg zu rücken. Damit ist allerdings ihre Mimik schlechter zu sehen. Sie müssen sich also entscheiden: Mimik oder Hände.

Daneben ist auch Ihre bereits erwähnte Körperhaltung, insbesondere ein aufrechtes Sitzen und eine gerade Linie zwischen Rückgrat, Hals und Kopf essenziell, um deutlich zu machen, dass Sie nicht nur präsent sind, sondern sich auch beteiligen wollen.

Kopf und Oberkörper stark nach vorne zu neigen zieht zwar ebenso Aufmerksamkeit auf sich, wirkt jedoch gerade in Webkonferenzen schnell zu aufdringlich und bedrohlich. Die Körpersprache wird hier als eher negativ bewertet.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist das Prinzip der lässigen Dominanz, indem Sie sich gemütlich Stuhl fläzen oder die Arme hinter dem Kopf zu kreuzen, was von vorne aussieht wie eine Kobra. In Ausnahmesituationen, beispielsweise in Zweiergesprächen, könnten Sie sogar die Beine hochlegen. Die Gefahr, arrogant zu wirken, ist natürlich enorm. Für kurze Videokonferenzen mit Personen, die Sie nicht gut kennen, kann ich eine solche Haltung daher auch nicht empfehlen. In langen virtuellen Settings mit guten Kolleginnen und Kollegen kann es gut sein, dass sich niemand etwas dabei denkt, wenn Sie sich ein paar Minuten lässig-dominant zurücklehnen.

Signale des Erstaunens

Ein weiteres mögliches Signal, um sich Gehör zu verschaffen, bezieht sich auf die Zwischen-Emotion des Erstaunens. Die Überraschung ist eine relativ kurze Emotion, die sich entweder in Richtung Angst oder Freude und Erleichterung entwickelt. So können Sie eine Verblüffungsschnute aufsetzen, indem Sie die Augen aufreißen, Ihre Pupillen weiten, die Augenbrauen nach oben ziehen, mit horizontalen Stirnfalten, eine Hand vor den Mund nehmen oder Ihren Kiefer fallen lassen, sodass Ihr Mund ein O bildet.

Das Signal ist eindeutig: Ich bin von dem Gehörten überrascht. Es ist noch nicht klar, wie ich dazu stehe. Ein derartiges Signal aktiv zu senden, ist allerdings nur sinnvoll, wenn der/die Moderator/in eines virtuellen Teams aufmerksam genug ist, darauf zu achten.

Signale der Offenheit und Begeisterung

Signale der Offenheit und Begeisterung gelten der Teambildung. Da die Mikrofone in der Regel abgeschaltet sind, um Störungen zu vermeiden, sind ein spontaner Applaus oder ein zustimmender Ausspruch nach der gelungenen Präsentation eines/einer Teamkollegen/Teamkollegin schwieriger als in Präsenz. Da sowohl einzelne Kolleginnen/Kollegen als auch das gesamte Team von Feedback lebt und damit auch der Teamgeist nicht verloren geht, ist es wichtig, sich einige Ersatzmöglichkeiten aus der Körpersprache zu suchen. Sie können dazu einen Applaus andeuten. Auch der nach oben gerichtete Daumen ist ein beliebtes Mittel, sein Einverständnis zu zeigen. Oder das Spitze-Zeichen, indem Daumen und Zeigefinger einen Kreis formen, während die restlichen drei Finger wie ein Hahnenkamm weit gespreizt werden. In einem Team, das schon lange zusammenarbeitet, lässt sich auch mal extravertierter jubeln, indem Sie in Siegespose die Arme nach oben recken, die Becker-Faust oder auch beide Fäuste ballen und nach oben strecken.

Ein Lächeln geht zudem immer. Und unter guten Kolleginnen/Kollegen kann man sich auch mal necken, wenn Sie auffällig zwinkern oder mit einem Finger ein Augenlied leicht nach unten ziehen. Formt eine Hand eine Pistole, zielt und schießt auf den eigenen Kopf, bedeutet das: Auweia. Das ging wohl mächtig daneben. Zeichnen beide Hände parallel zu einer Äußerung Anführungszeichen in die Luft, wird das Gesagte ironisiert: Das war ja ein toller „Erfolg“. Oder wenn Sie eine halbe Wicki-Geste machen, indem Sie mit einer Hand schnalzen und den Zeigefinger nach oben strecken heißt das in Körpersprache: Hey! Ich habe eine tolle Idee!

Signale der Empathie

Signale der Empathie und des Mitgefühls kommen aus dem Spektrum der Trauer. Hier geht es darum, die eigenen Gesten weitgehend herunterzufahren und stattdessen offen zu sein für die Signale meines Gegenübers. Dies geht in einer kleinen Runde freilich leichter als in einer großen. Die Botschaft muss lauten: Ich höre dir zu. Ich denke über das nach, was du mir sagst. Legen Sie dazu Ihren Kopf ein wenig schräg, setzen Sie sich zurück, kratzen oder kraulen Sie sich am Kinn, stützen Sie Ihr Kinn auf eine Hand oder kratzen Sie sich im Nacken oder am Hinterkopf, als wollten Sie sagen: „Ich weiß nicht so recht. Darüber muss ich erst nachdenken.“

Gehen Sie mit Ihrem Gegenüber mit. Auch das Spiegeln von Schmerzen im weitesten Sinne dient dem Aufbau von Bindung, wenn ein Mitarbeitender von einem gescheiterten Projekt oder persönlichen Sorgen erzählt. Setzen Sie dazu eine sorgenvolle Miene auf, im Volksmund Hundeblick genannt, wenn es für Sie passt; senken Sie die Oberlider, ziehen den Mundwinkel hoch und nach hinten, als ob Sie schmerzhaft lächeln wollten, beißen auf die Zähne und ziehen Luft durch Ihre Zähne.

Ergänzende Handgesten und ihre Wirkung auf die Körpersprache

In jedem kulturellen Sprachgebiet gibt es klar definierte Gesten, mit denen wir unserem Gegenüber eine deutliche Nachricht, oft verbunden mit einer Handlungsaufforderung, übermitteln. Die folgenden Gesten lassen sich besonders gut in virtuellen Meetings einsetzen. Allerdings sind Gesten auf internationalem Parkett mit Vorsicht zu genießen, da sie in manchen Ländern etwas ganz anderes bedeuten als bei uns:

  • Der Daumen bei geschlossener Faust zur Seite, meist leicht nach oben und unten bewegend, signalisiert Unentschlossenheit: Ich weiß nicht so recht. Ich glaube, da sollten wir noch nachbessern.
  • Ähnlich ist das Auf- und Ab-Wackeln einer flachen Hand auf Brusthöhe: Ich finde, das ist noch ziemlich wackelig.
  • Das Tippen auf die imaginäre Armbanduhr: Es wird langsam Zeit zum Ende zu kommen.
  • Bilden zwei Handflächen zusammen ein T bedeutet das Timeout: Lasst uns eine Pause machen.
  • Betende Hände und ein Kopfnicken, ähnlich wie in Japan, symbolisieren ein Danke nach einem guten Vortrag.

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Noch mehr Beiträge aus den Bunker-Chroniken findet ihr
 hier.

Die Themen „Körpersprache“ oder „Proaktives Führen“ beschäftigen Michael Hübler auch in seinen  Büchern.

 

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

Bei metropolitan von Michael Hübler erschienen:

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 New Work: Menschlich – Demokratisch – Agil
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