22. April 2020 | Hüblers Bunker-Chroniken

Konflikte in der Krise

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich gezwungenermaßen mit der vielfältigen Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt!

In gewohnt kritischer, leicht zynischer, aber auch humorvoller Manier beschäftigt sich  Michael Hübler mit der derzeitigen Situation und reflektiert über Themen, die ihn bewegen. Damit möchte er Mut machen, Ablenkung schaffen, vielleicht auch zum Nachdenken anregen in einer aktuell schwierigen Zeit, der wir uns als Gesellschaft, Familie, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch als Freunde und Individuum stellen müssen. Daraus entstehen – mit dem ihm so typischen Augenzwinkern – die Hübler Bunker-Chroniken.

Im heutigen Beitrag setzt sich  Michael Hübler mit all den Konflikten auseinander, denen wir in Krisenzeiten ausgesetzt sind. Neben den persönlichen Ängsten, die wir aktuell ausstehen, kommen die Sorgen um die Familie, den Job und natürlich die Zukunft allgemein dazu. Damit sind Konflikte in der Krise vorprogrammiert, schließlich geht jeder anders mit dieser Situation um. Doch gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, sich nicht kopflos auf Konflikte einzulassen, sondern ihnen mit Herz und Verstand zu begegnen – schließlich gibt es auch ein Leben nach Corona!

Wenn sich Kontinentalplatten verschieben

Sobald Menschen gezwungen sind, sich zu einer Position zu bekennen, entstehen gegnerische Gruppierungen, wie wir das leider in vielen Situationen in den letzten Jahren beobachten konnten, sei es in den Debatten um den Brexit, im Streit um Stuttgart 21 und jetzt bei Covid-19. Im Gegensatz zu den vorgenannten Beispielen ist von Corona jedoch wirklich jeder in der einen oder anderen Weise betroffen. Die einen haben Angst vor dem Virus, die nächsten landen in der Psychiatrie und eine Vielzahl der Menschen wird bankrott oder arbeitslos. Corona ist das kritische Lebensereignis, das unser gesamtes Leben, unsere Beziehungen und Arbeitsbeziehungen, durcheinanderwürfelt. Corona zeigt uns, wie fragil unser Leben in Wirklichkeit ist. Wir dürfen gespannt sein, zu wie vielen Scheidungen, Entfreundungen und Trennungen im Arbeitsumfeld das große C noch führen wird.

Weil in der Corona-Krise wirklich jeder auf die eine oder andere Weise Stellung beziehen muss, ob er will oder nicht, geraten sogar langjährige Freunde heftig aneinander, denken wir nur an den gegenseitigen Vorwurf zwischen „Du nimmst das nicht ernst“ und „Du nimmst das zu ernst“. Schnell kommt man von diesem Ernst auf die persönliche Betroffenheit über das eigene Leben, das Leben der Eltern, die eigene Existenz, Krisen in der Partnerschaft oder Sorgen um die Schulkarriere der Kinder. Ansonsten besonnene Menschen werden über Nacht zu medialen Berserkern. Die digitale Welt erledigt den Rest. Wo Menschen sich ansonsten mittels Mimik und Gestik in ihren Gesprächen einander annähern, führt die digitale Distanz zu einer Zuspitzung, in der es anscheinend nur noch Nullen oder Einsen gibt: Entweder bist du für mich oder gegen mich! Als wäre die Welt tatsächlich so einfach.

Derzeit verschieben sich die Kontinentalplatten der Beziehungen. Das Virus ordnet Freundschaften, Partnerschaften und die Sym- oder Antipathie für Kollegen neu. Wie ein Erdbeben zerstört es fest geglaubte Überzeugungen und fügt sie neu zusammen. Es trennt genauso wie es verbindet.

Von der äußeren Krise zu Konflikten in Teams

In Krisen liegen die Nerven blank. Die alte Welt ist dahin, die neue noch nicht geboren. Zur äußeren Krise kommen automatisch die inneren Kämpfe über die passende Reaktion auf die Krise und den richtigen Weg in Familien, Firmen und Organisationen hinzu. Da Krisen an der Schwelle zu etwas Neuem liegen, das ähnlich wie die Szenarien und Wellen von Covid-19 noch nicht greifbar ist, sind sie gleichzeitig ein Herd für Verteilungskämpfe:

  • Während die einen noch dem Alten nachtrauern, planen die anderen bereits die Organisation der neuen Welt.
  • Während die einen sich über die Zögerlichen, Zaudernden und Ängstlichen ärgern, empfinden die anderen das Beiseitefegen alter Denk-, Vorgehensweisen und Werte als respektlos.
  • Und während die einen nach wie vor loyal den Alltag meistern, stecken die anderen den Kopf in den Sand oder befinden sich im krankheitsbedingten Fluchtmodus.

Angefeuert werden die inneren Konflikte zusätzlich durch die Unterteilung der Menschen in systemrelevant oder nicht. Kaum ein Wort drückt die mangelnde Wertschätzung der Lebensleistung eines Menschen so brutal aus wie der Begriff der Systemirrelevanz. Während die Welt auf medizinische Fakten blickt und die Versorgungslage im Auge hat, fallen die meisten sozialen Bereiche unter den Tisch. Von dort dürfen sie nach der Krise wieder zusammengesucht werden – sofern sie noch aufzufinden sind.

Zu Beginn der Krise waren beispielsweise Friseure noch systemrelevant, während Mediatoren, Coaches, Trainer, Sportler, Künstler, Kleinstunternehmer, Baumärkte und Gartenmärkte (nur in Bayern) und diverse Solo-Selbstständige (um nur ein paar zu nennen) als systemirrelevant gelten. Damit gibt es eine ganze Menge Menschen, die sich die Frage stellen, wann sie wieder gebraucht werden.

Entsprechend entsteht auch in Firmen ein Gefälle zwischen systemrelevanten und systemirrelevanten Tätigkeiten, das eventuell ganz anders aussieht als vor der Krise. Manche vorhandenen Unterschiede und Konflikte werden damit noch verschärft oder brechen erst in der Krise auf. Es kann sogar zu Retourkutschen kommen von Mitarbeitern, die sich jahrelang benachteiligt fühlten und nun endlich genugtuend Oberwasser bekommen. Plötzlich werden die Kreativen mehr hofiert als die Sicherheitsorientierten. Es wird sich zeigen, ob sich das Rad nach der Krise wieder zurück drehen lässt.

Reflexion: Die Konflikte zwischen meinen Leuten in der Krise

  • Worin bestehen die typischen Konfliktherde in der Krise in Ihrer Organisation?
  • Welche Typen (Optimisten, Ängstliche, Verdränger, Macher, …) treffen bei Ihnen in Krisen aufeinander?
  • Welche Werte und Bedürfnisse stehen dahinter?

Lösungsansätze für Konflikte in der Krise

Schwarm- statt Herdendenken

Sobald Menschen gezwungen werden, sich eine Meinung zu bilden, bei der es nur Schwarz oder Weiß gibt, entstehen zwei feindliche Herden, die aufeinander zu rasen. Dies lässt sich verhindern, indem die Menschen von Ja-Nein-Diskussionen wegkommen und akzeptieren, dass wir alle Recht haben könnten. Niemand weiß, was in ein paar Monaten passiert. In der Corona-Krise orientieren wir uns an Wissenschaftlern, die jedoch ebenso sagen: Ich lerne jeden Tag dazu. In Firmen gilt das Gleiche: Auch Unternehmen können Szenarien für die Zukunft aufstellen, inklusive Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Welches Szenario wirklich eintrifft, wird uns die Zukunft zeigen

Schwärme tauschen sich über den besten Weg aus – Herden kämpfen gegeneinander. Hilfreich für einen solchen Austausch ist die Akzeptanz von Meinungsbildungen als Prozess. Zu Beginn der Corona-Krise musste schnell gehandelt werden, um das vermutete Schlimmste zu verhindern. Nun, in einer zweiten Phase der Meinungsbildung, nimmt die Politik Kritiker mit in Expertenräte, die zuvor ignoriert wurden. Nachdem zu Beginn lediglich Virologen, Mediziner und Epidemiologen mit an Bord waren, sind nun auch unter anderem Ethiker mit von der Partie, um nicht nur die medizinischen Aspekte des Shutdowns, sondern auch sozialwissenschaftliche Verwerfungen oder psychische Probleme aufgrund der Isolation zu beleuchten. Damit könnte die Meinungsbildung in dieser Krise einem Prozess gleichen, bei dem auch vormals konträre Meinungen zu Wort kommen könnten.

Gleiches gilt für die Mitarbeiter in einem Unternehmen. Auch hier gibt es oft gegensätzliche Meinungen über den richtigen Weg aus der Krise. Anstatt sich diese Meinungen gegenseitig an den Kopf zu werfen, ist es wichtig, sich gemeinsam auf einen prozesshaften Weg zu machen und die Aussagen anderer als vorübergehend anzusehen. Immer vor dem Grundgedanken, voneinander lernen zu können und damit die gemeinsame kollektive Intelligenz zu erhöhen, sofern wir es tatsächlich schaffen, einander zuzuhören.

Das Denken in Prozessen beinhaltet jedoch auch, sich Fehler einzugestehen und den Mut zu haben, aufgrund neuer Erkenntnisse neue Wege einzuschlagen. Schwarmintelligenz ist damit eng verwandt mit agilen im Sinne von adaptiven Vorgehensweisen.

Ängste statt Meinungen

Wir haben alle Angst – vor dem Virus, dem Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems, dem wirtschaftlichen Ruin, der Komplettüberwachung usw. Einigen uns unsere Ängste? Oder trennen sie uns? Wie gehen wir mit unseren Ängsten um? Machen sie uns wütend? Oder unsicher? Es ist wichtig, anderen über seine Ängste und Unsicherheiten zu erzählen.

Das ist unüblich, ich weiß. Aber genau darin liegt auch eine Chance für Begegnungen mit einer tieferen Qualität. Es macht Diskussionen weicher und fördert damit einen echten Austausch. Ein jüdisch-amerikanisches Sprichwort lautet: Be a Mensch. Menschen haben nicht nur Meinungen, sondern auch Gefühle. Im Grunde sind wir alle eins. In Shakespears Kaufmann von Venedig sagt Shylock: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wir sind uns meist viel ähnlicher und näher als unsere Meinungen suggerieren. Erkennen wir also den Menschen in uns und im anderen.

Fragen statt Antworten

Neulich las ich in einem Forum: Derzeit sind wir alle Fußballnationaltrainer oder sind dabei, unser Virologen- und Epidemiologen-Diplom nachzuholen. Als ließe sich das Wissen einer solchen Fachrichtung innerhalb von zwei Wochen per Internet-Fernstudium aneignen. Dennoch eigneten wir uns aufgrund unserer neu erworbenen Kompetenzen Meinungen an, die seltsamerweise nicht von allen geteilt werden. Statt uns jedoch gegenseitig vermeintliche Wahrheiten über richtige oder falsche Vorgehensweisen an den Kopf zu werfen, ist es hilfreicher, sich gegenseitig Fragen zu stellen:

  • Welche Sorgen machen wir uns?
  • Wie gehen wir mit der Krise um?
  • Wie wollen wir miteinander umgehen?
  • Sind wir zufrieden damit, wie wir gerade damit umgehen?
  • Welches Vorbild wollen wir für unsere Kinder abgeben?
  • In welcher Gesellschaft wollen wir in Zukunft leben?
  • Welche Chancen ergeben sich durch oder nach Corona?

Fragen fördern einen offenen Austausch und tragen damit zu einem Prozess bei, der echte Begegnungen ebenso fördert wie einen gemeinsamen Erkenntnisgewinn.


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Dranbleiben!

 

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

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