18. März 2021 | Hüblers Bunker-Chroniken

Mit Mikroabenteuern zu mehr Resilienz – Teil 1

Als erfolgreicher Mediator und Coach ist Bestseller-Autor  Michael Hübler üblicherweise viel unterwegs, um Führungskräfte zu schulen oder Vorträge zu halten. Doch wie viele Selbstständige ist er nun ebenfalls ins Homeoffice verbannt und beschäftigt sich mit der Berichterstattung zur aktuellen Situation. Und was macht ein Autor, der an den Schreibtisch gefesselt ist und plötzlich „zu viel“ Zeit hat? Natürlich – er schreibt!

In gewohnt kritischer, leicht zynischer, aber auch humorvoller Manier reflektiert  Michael Hübler die derzeitige Situation und damit Themen, die ihn bewegen. Er möchte Mut machen, Ablenkung schaffen, vielleicht auch zum Nachdenken anregen in einer aktuell schwierigen Zeit. Eine Zeit, der wir uns als Gesellschaft, Familie, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, aber auch als Freunde und Individuum stellen müssen. Daraus entstehen – mit dem ihm so typischen Augenzwinkern – die Hübler Bunker-Chroniken.

Und auch im Jahr 2021 geht es weiter mit den Bunker-Chroniken, denn auch wenn wir es uns zu Beginn der Pandemie niemals hätten vorstellen können, bestimmt Corona nach wie vor unser tägliches Leben – beruflich wie privat.

Heute, am 18. März jährt sich die Ansprache von Frau Merkel zur Verkündigung der kommenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens sowie der freien Berufsausübung vieler Berufsgruppen. Damit einher gehen viele Ängste vor einer Ansteckung, über drohende Arbeitslosigkeit, eine drohende oder bereits stattfindende Insolvenz bis hin zu Stress aufgrund von Isolation und Einsamkeit. Doch welche Auswirkung hat dauerhafter Stress auf unsere Gesundheit? Darum geht es im heutigen Teil der Bunker-Chroniken!

Teil 1: Die Wirkung von dauerhaftem Stress auf unsere Gesundheit

Kurzfristiger vs. Dauer-Stress

Auch wenn die Ursachen unterschiedlich sind, ist der Effekt derselbe: Angst und Stress, wofür wir nach mittlerweile einem ganzen Jahr eine Menge Durchhaltevermögen und Resilienz benötigen.

Dabei beobachten Therapeut/innen an Ihren Klient/innen zwei durchgehende Muster:

  1. Der erste Lockdown ließ sich noch relativ gut verkraften. Die Resilienzreserven vieler Menschen sind jedoch im Zuge des zweiten Lockdowns aufgebraucht.
  2. Wer über kein festes Einkommen verfügt, tut sich besonders im zweiten Lockdown schwer, nicht in Depressionen abzurutschen.

Nun gibt es verschiedene Aspekte für eine gute persönliche Resilienz im Umgang mit Krisen. Wir sollten

  • der Krise beziehungsweise den Begleitumständen der Krise eine Sinnhaftigkeit abgewinnen können,
  • ein klares Ziel vor Augen haben,
  • uns als kompetent im Umgang mit der aktuellen Situation empfinden und
  • uns auf andere Menschen verlassen können.

In einem überschaubaren Zeitabschnitt ist eine Krise in der Regel gut bewältigbar. In der Corona-Krise igelten sich viele Menschen zu Beginn ein. Sie genossen vielleicht die Auszeit vom alltäglichen Rattenrennen. Sie lasen ein paar Bücher, die schon lange den Nachttisch übervölkerten. Kurzfristig ist es ebenso sinnvoll ins Tun zu kommen. Hoteliers und Gaststättenbesitzer feilten an Hygienekonzepten. Dort wo es möglich war, wurden Angebote digitalisiert. Die Öffnungen im Herbst letzten Jahres brachten für Gaststätten- und Fitnesstudiobesitzer, Kulturschaffende und einige andere einen Hoffnungsschimmer. Es waren Ziele vorhanden. Andere Freiberufler entdeckten neue Handlungsfelder. Virtuelle Welten wurden als neues, spannendes Betätigungsfeld entdeckt.

Ende November folgte die Ernüchterung. Das nicht ganz unanstrengende Homeschooling ging weiter. Die Hygienekonzepte waren erst einmal obsolet. Und virtuelle Meetings sind ein nettes Spielzeug, ersetzen jedoch den menschlichen Kontakt nur unzureichend. Der kurzfristige Stress chronifizierte sich bei vielen Menschen.

Unseren Körper kurzfristig zu ärgern ist sogar laut dem Psycho-Neuro-Immunologen Christian Schubert wichtig, um unser Immunsystem zu stärken. Schubert vergleicht dies mit Kneippbädern. Unser Immunsystem wird kurzfristig „geschockt“ und damit gestärkt. Wir fühlen uns im Anschluss erfrischt und wach. Anders sieht es aus, wenn wir dauerhaft in Eiswasser baden oder uns analog dazu dauerhaft psychisch gestresst fühlen. Unser Körper wird damit nicht wach, sondern langfristig geschädigt, wodurch auch Viren eine leichtere Chance haben, uns gefährlich zu werden. Wer sich hierin vertiefen möchte: Die Bücher „Gesunde Psyche“ von Bannasch und Junginger oder „Was uns krank macht“ von Schubert bieten hierzu einen guten Überblick.

Was also tun, wenn das Licht am Ende des Tunnels eher nach einem Zug aussieht als nach einem Ende mit Schrecken?

Resilienz ist wie ein Gummiband

Unsere Resilienz lässt sich anschaulich mit einem Gummiband vergleichen. Unter Stress wird das Band gespannt. In Entspannung entspannt sich auch das Gummi. Wird das Band, ähnlich wie unsere Muskeln, dauerhaft beansprucht, kann dies zwei Folgen haben:

  1. Es reißt oder ist kurz davor zu reißen.
  2. Es leiert aus.

Bei depressiven Menschen, die im letzten Monat aus Angst vor einer Ansteckung jegliche Therapie oder sogar private Kontakte abbrachen, können wir uns gut vorstellen, dass die Ängste langfristig zu einem Ausleiern des Bandes führen. Der Mensch schlafft ab und kann sich gerade noch grundversorgen. Ansonsten fehlt ihm jegliche Energie, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Bei Menschen, die lautstark auf andere Menschen einbrüllen, weil diese keine Maske tragen, nicht verstanden haben, was hier läuft oder andere Verkehrsteilnehmer/innen wutentbrannt anhupen, passt das Symbol eines reißenden Gummibands. Einige Menschen befinden sich offensichtlich dauerhaft in einem Zustand auf der Kippe. Mark Twain sagte einmal: „Der Wahnsinn hält sie bei Verstand.“

Die innere Zerrissenheit zwischen Moral und Bedürfnissen

Zur Erklärung, was dabei psychisch in uns abläuft, ist die Psychoanalyse hilfreich. Laut Freud wird unsere Psyche durch ein Zusammenspiel aus Über-Ich, Es und Ich bestimmt:

  • Unser Es verspürt das Bedürfnis, sich sicher zu fühlen.
  • Unser Über-Ich, das sich in diesem Fall aus internalisierten Moralvorstellungen aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus speist, gibt uns vor, was wir zu tun oder besser noch zu lassen haben.
  • Unser Ich schließlich sucht den Sinn hinter all dem, vermittelt zwischen Es und Über-Ich und setzt unser Denken möglichst kompetent in Handlungen um.

In uns findet folglich seit einem Jahr ein innerer Kampf statt, vor allem in jungen Menschen beziehungsweise Kindern, die es möglichst richtig machen wollen. Unsere Moralvorstellungen sagen uns, wie wir andere Menschen nicht gefährden, indem wir Abstand halten, unsere Hände waschen und Masken tragen. Unser Ich überträgt die (AHA-) Regeln für uns in möglichst logische Handlungen. Unser bedürftiges Es wiederum würde so gerne wieder einmal einen Menschen umarmen, ein wenig Kultur erleben, in Urlaub fahren, die Großeltern besuchen und möchte sich natürlich auch wieder selbst – ohne Zahlungen vom Staat – um die eigene finanzielle Versorgung kümmern. Für Selbstständige ist die Abhängigkeit von anderen ein Greul, weshalb das Angebot, Hartz IV zu beziehen, wenig hilfreich war.

Als zivilisierte Menschen sind wir es gewohnt, nicht jedem Befürnis nachzukommen, weil unser Bedürfnis, denken wir an den Aggressionstrieb bei Freud, anderen schaden zufügen kann. Stattdessen werden manche dieser Bedürfnisse oder Triebe kanalisiert. Auf Sportveranstaltungen ist es erlaubt, den Gegner anzupöbeln, sofern es bei Verbalattacken bleibt. Auch eine gemeinsam erlebte Theateraufführung hat oftmals eine kathartische Wirkung. Gemeinsam lachen und weinen lässt uns nicht nur den Alltag vergessen, sondern hat zudem eine gesellschaftspolitisch verbindende Bedeutung, ähnlich wie die vorpolitischen Räume in Kneipen, die wir nun auf virtuellen Plattformen wiederfinden, wo sie den Stress eher erhöhen als zu entspannenden Klärungen führen. Auch diese Möglichkeiten fehlen folglich aktuell, wodurch wir mit unserer inneren Zerrissenheit mehr oder weniger alleine bleiben.

Wie es zu Wutausbrüchen kommt

Kein Wunder, dass sich diese innere Zerrissenheit ab an nach außen entlädt, wenn das Gummiband zum Zerreißen angespannt ist. Um zu erklären, was hier passiert, ist ein System des Psychologen Richard Schwartz hilfreich, das ebenfalls auf einer Dreigliederung aufbaut:

  • Unser inneres, verletzliches Kind würde sich zu gerne endlich einmal wieder wohl fühlen. Es soll doch bitteschön bald wieder so werden wie früher. Unser inneres Kind wird also nicht nur von Verrücktheiten, sondern auch von Unsicherheiten und Ängsten bestimmt.
  • Unser innerer Manager tat bislang alles, um gut durchs Leben zu kommen. So entwickeln unsichere Menschen häufig einen inneren Perfektionisten, der ihrem Umfeld zeigt, dass sie alles im Griff haben, ohne ihre Unsicherheiten preis zu geben. Dies muss nicht schlecht sein. Perfektionismus kann uns schließlich zu Höchstleistungen antreiben. Doch auch hier hilt die Gummibandregel: Ein dauerhafter Stress führt zu Abnutzungserscheinungen. Der Perfektionismus verselbständigt sich, ohne die dahinter liegenden Ängste zu reflektieren. Stattdessen managen wir unsere Ängste, anstatt sie zu lösen.
  • Unter einem zu großen und / oder dauerhaften Druck versagt der innere Manager seinen Dienst. An dieser Stelle kommt ein innerer Feuerbekämpfer ins Spiel. Auch dieser schützt das innere Kind vor einer Bloßstellung, jedoch nicht mit Hilfe einer sachlichen Souveränität, sondern mit Aggressivität.

Hinter jedem Wutausbruch auf der Straße, am Telefon, in der Arbeit oder in den digitalen Netzwerken steckt also mit großer Wahrscheinlichkeit ein verborgene Angst, die bewusst oder unbewusst nicht geäußert werden möchte. „Angriff ist die beste Verteidigung“, sagt der Volksmund. Dies mag tatsächlich für die Psyche gesünder sein als ein ausgeleiertes, depressives Gummiband. Dennoch kann auch dies eines Tages reißen. Zudem führt ein dauerhaft angespanntes Band zu Konflikten, die sich vielleicht nach der Krise nicht so einfach kitten lassen.

Nachdem wir in diesem Teil geklärt haben, wie sich dauerhafter Stress auf unsere Gesundheit auswirkt, geht es in den nächsten Bunker-Chroniken um die Frage, wie wir mithilfe von mehr Selbstverantwortung und Mikroabenteuern unsere Gesundheit, Resilienz und unser Immunsystem stärken.


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Noch mehr Beiträge aus den Bunker-Chroniken findet ihr
 hier.

Die Themen „Körpersprache“ oder „Proaktives Führen“ beschäftigen Michael Hübler auch in seinen  Büchern.

 

 


Über den Autor

 Michael Hübler ist Mediator, Berater, Moderator und Coach für Führungskräfte und Personalentwickler. Als Konfliktmanagement- und Verhandlungstrainer zeigt er, wie wertvoll der Schritt von einer „Heilen-Welt-Philosophie“ zu einer transparenten, agil-mutigen Führung ist.

Bei metropolitan von Michael Hübler erschienen:

 Provokant – Authentisch – Agil
Die neue Art zu führen
Wie Sie Mitarbeiter humorvoll aus der Reserve locken
ISBN 978-3-96186-004-3

 New Work: Menschlich – Demokratisch – Agil
Wie Sie Teams und Organisationen erfolgreich in eine digitale Zukunft führen
ISBN 978-3-96186-016-6

 Die Bienen-Strategie und andere tierische Prinzipien
Wie schwarmintelligente Teams Komplexität meistern
ISBN 978-3-96186-031-9

 Die Führungskraft als Krisenmanager
Wie Führungskräfte in turbulenten Zeiten Orientierung bieten, Konflikte schlichten und Mitarbeiter begleiten
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 Gesellschaftliche Konflikte in der Corona-Krise
Besonderheiten, Hintergründe, Lösungsansätze
ISBN 978-3-96186-047-0