9. Juli 2021 | Jobsuche

Was muss man bei der Jobsuche im Sommer 2021 beachten

„Nun wird es ruhiger, dann kann ich mich endlich um meine Unterlagen kümmern“. Diese Aussage habe ich die letzten Wochen einige Male gehört. „Im Juli und August habe ich Zeit mich zu bewerben“. Das ist logisch – ist es aber auch sinnvoll? Wie steht es um die Chancen, im Sommer 2021 bei der Jobsuche erfolgreich zu sein? Dazu eine Bestandsaufnahme:

Jobsuche im Sommer 2021 – die aktuelle Situation

1. Fortschritte bei Corona

Corona hat viele Unternehmen in einem Klammergriff gehalten. Die Unsicherheit hat gelähmt. Die technischen Umstellungen haben Zeit gekostet. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber waren eher zurückhaltend was Neu-Einstellungen angeht. Nun sind aber knapp anderthalb Jahre vergangen. Die offenen Stellen klaffen als Wunden in der Unternehmenslandschaft. „Gefühlt“ können wir Corona in der ursprünglichen Variante abhaken. Auch wenn der Herbst mit Unwägbarkeiten (Stichwort: „Delta-Variante“) verbunden ist, haben Firmen das Empfinden, dass sie nun durchatmen können. Der IFO-Index ist deutlich angestiegen und zeigt die optimistische Grundhaltung der Wirtschaft.

2. Bedeutung der Sommermonate aus Arbeitgebersicht

Das Einstellungsverhalten aus Arbeitgebersicht und aus Sicht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verhält sich im Sommer diametral entgegengesetzt. Während Bewerber/innen endlich Zeit und Muse haben, sich dem Arbeitsmarkt zu präsentieren, fahren die Adressaten in den Urlaub. Dieses Phänomen wird – mehrheitlich – in diesem Jahr die vorhergehenden Jahre noch übertreffen. Zu lange war die Handbremse angezogen. Zu oft wurden Oster- und Pfingsturlaub verschoben. Nun scharren die Entscheidungsträger/innen mit den Hufen und wollen einfach weg.

Das gleiche Bild präsentiert sich seitens der Recruiter. Auch Personalberater/innen haben Ferien geplant. Außerdem haben sie ihre Mandate (schwerpunktmäßig) abgearbeitet und erwarten neue Beauftragungen ab September. Somit können auch die Headhunter nicht angeschrieben werden.

Wer sich dennoch aus der Deckung herausbewegt, steht in der Gefahr das „Pulver zu verschießen“. Wenn sich der Headhunter drei Wochen nicht meldet, da er am Strand auf den Seychellen liegt, wie soll ich mich dann verhalten? Nachfragen? Es entsteht eine unangenehme Situation. Bei Unternehmen ist das nicht anders. Haben die Konzerne Personalabteilungen vorzuweisen, ist „die Mitarbeiterin, die sich ums Personal kümmert“ im Mittelstand vielleicht sechs Wochen im Urlaub. Ihre Stellvertreterin kümmert sich um das Notwendige. Dazu gehört aber nicht die Bewerbung, die gerade hereingeflattert kam. Und wenn die Sachbearbeiterin zurückkehrt, hat sie zunächst anderes zu tun, als sich um die liegengebliebenen Bewerbungen zu kümmern.

3. Bei welchen Branchen kann ich mich im Sommer dennoch bewerben?

Gibt es Ausnahmen? Ja! Bestimmte Branchen wittern Morgenluft und erzielen ihre Haupteinnahmen im Sommer. Wer einen Job in der Gastronomie, dem Hotelgewerbe, auf einem Kreuzfahrtschiff oder möglicherweise auch im Veranstaltungsmanagement sucht, sollte sich nicht zurückhalten.

Das Gleiche gilt auch weiterhin für die Reaktion auf ausgeschriebene Stellen. Wenn ein/e Arbeitgeber/in im Juli bei Stepstone & Co. eine Stelle ausschreibt, kann man natürlich erwarten, eine Rückmeldung zu erhalten. Gerade im Juni entstand der Eindruck, dass der eine oder die andere den Zug nicht verpassen wollten und noch rasch „Stellen auf den Markt geworfen“ wurden.

4. Der unterschätzte Job-Treiber

Der wirkliche Job-Motor wird fast immer unterschätzt. Das ist nicht die Frage, ob die Fußballstadien bald wieder voll ausgelastet werden dürfen. Auch die Öffnung der Schwimmbäder hat nur einen marginalen Einfluss. Hinter den Kulissen und weit der öffentlichen Wahrnehmung entrückt, steht das Phänomen der Demografie. Die geburtsstarken Jahrgänge (auf der Bevölkerungspyramide sind diese eindrucksvoll sichtbar, oberhalb des sogenannten „Pillenknicks“) gehen ab sofort und in den kommenden Jahren verstärkt in Rente. In Zahlen sprechen wir von ca. 1,4 Mio. Personen pro Jahr. Wenn wir schauen, wie viele neue Arbeitnehmer/innen jährlich in den Arbeitsmarkt einsteigen, reden wir von ca. 650.000 Erwerbstätigen.

Großunternehmen haben diese Tatsache zum Teil für einen sozialverträglichen Personalabbau genutzt. Gerade der Mittelstand (immerhin 99,7 Prozent aller deutschen Arbeitgeber/innen) konnte die „Verluste“ nicht so einfach wegstecken. Nicht umsonst ist der Aufschrei nach fehlenden qualifizierten Fachkräften groß!

Ein Kunde von mir, der an einer Universität beschäftigt ist, bescheinigte mir soeben, dass drei Personen, die sich seit 30 Jahren im Team von 20 Mitarbeitenden befinden nun altersbedingt ausscheiden werden. Die Deutsche Bahn hat die verfehlte Einstellungspolitik zu spät bemerkt und sucht nun 20.000 Mitarbeitende. Ein Bekannter von mir arbeitet beim Finanzamt und bestätigt die Gefahr der Vergreisung.

5. Ausnahmsweise mal ein Vorteil für Ältere…

Nachdem das Homeoffice in Zeiten von Corona die neue Arbeitsumgebung darstellte, hat dieses zu Herausforderungen für neue Mitarbeitenden geführt. Berufseinsteiger und Angestellte mit weniger Erfahrung haben mehr Betreuung beim Onboarding benötigt. Viele Firmen haben das nicht in guter Qualität anbieten können. Diese haben bevorzugt auf ältere Mitarbeitende zurückgegriffen, die in der Lage waren, ohne viel Steuerung von außen klarzukommen.

6. Digitalisierung der Bewerbungsprozesse

Es ist eine Zunahme von Algorithmen und KI bei der Personalauswahl zu beobachten. Dieses gilt vor allem bei Konzernen, die locker eine halbe bis eine Million Bewerbungen pro Jahr bewältigen müssen. Es gibt zwar lediglich ca. 15.000 dieser Konzerne in Deutschland. Diese beschäftigen allerdings ca. 35 Prozent aller Arbeitnehmer/innen und tragen bis zu 65 Prozent der Wertschöpfung bei.

Wenn ein Mensch die Bewerbung – in erster Instanz – nicht sieht, sind Aspekte zu berücksichtigen, die bisher keine Rolle spielten:

  • Schöne Layouts könnten stören, da nicht leserlich.
  • Bewerbungen mit mehreren Spalten können Probleme verursachen.
  • Das Fehlen der bedeutenden Keywords kann zur Nicht-Berücksichtigung führen.

Umgekehrt bietet der Einsatz von Job-Robotern auch neue Möglichkeiten:
Gestern sprach ich noch mit einem Mandanten, der viele Anfragen über LinkedIn erhielt, da die relevante Keywords auf seinem Profil verlinkten. Vor wenigen Wochen habe ich gemeinsam mit einem Klienten das XING-Profil überarbeitet. Noch am gleichen Tag erhielt er eine Kontaktaufnahme mit einer Einladung zum Interview.

Fazit Jobsuche Sommer 2021

Juli und August ist eher als Zeitraum der Vorbereitung zu betrachten. Headhunter und potenzielle Arbeitgeber können recherchiert werden.  Bewerbungsunterlagen sollten den letzten Schliff erhalten. Vielleicht ist es an der Zeit, neue Bilder für den  Lebenslauf machen zu lassen. Die Bewerbungsoffensive kann dann im September starten. Die  Profile bei XING und LinkedIn sollten aktualisiert werden. Verstärkt sollten die adäquaten Keywords in Bewerbungsunterlagen und Business-Profile einfließen. Natürlich ist es legitim, weiterhin – auch im Sommer – auf ausgeschriebene Stellen zu reagieren.


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Über den Autor

Autor Zeylmans van Emmichoven Jobsuche 2021 Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven, Experte in Sachen Bewerbung, gibt Einsteigern, erfahrenen Arbeitnehmern und Quereinsteigern Tipps zum richtigen Verhalten im Bewerbungsgespräch, zum verdeckten Arbeitsmarkt und vielen weiteren spannenden Fragen rund um Bewerbung und Karriere. Als SZ-Jobcoach schreibt er regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung.

Er blickt auf eine internationale Karriere als Geschäftsführer mehrerer mittelständischer Unternehmen und Konzerne (u.a. Yves Rocher und Gillette) zurück. Der Karriere-Coach hält als Gastdozent am MCI Management Center Innsbruck Vorträge zum Thema Job-Hunting, verfasst Beiträge für das Magazin FOCUS und ist Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung.

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